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Das Theater mit dem Gedächtnis

Soviel vorweg: Ich bin keine Jüdin, sondern eine Schweizerin, die sich aus religionswissenschaftlicher Perspektive für jüdische Religion und jüdische Menschen interessiert. Ich stelle euch die Argumentation eines in Berlin lebenden, jüdischen Autors vor, der sich prägnant mit zeitgenössischer Erinnerungskultur auseinandersetzt: Max Czollek.

«Holocaust»: Der englische Begriff «Holocaust» stammt aus der Septuaginta und bezeichnet ein biblisches Opferritual, bei dem das Tier ganz verbrannt wurde. Der Begriff wurde auch für Massenmorde verwendet. In den 1970er-Jahren setzte er sich als Bezeichnung für die Gräueltaten der Nationalsozialist*innen durch. «Schoah» ist die jüdische Eigenbezeichnung und bedeutet übersetzt «Katastrophe». Dieser Begriff betont den systematischen Massenmord und will ermordete Jüdinnen und Juden nicht als Gott dargebrachtes Opfer verstanden wissen. Aus Respekt vor den Opfern wird gelegentlich gefordert, dass nur Jüdinnen und Juden den Begriff «Schoah» verwenden sollen. Bekannt wurde der Begriff durch Claude Lanzmanns 1985 erschienen Film «Shoah».

 

Gestern, am 27. Januar, wurde der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. An diesem Tag befreite 1945 die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Es handelt sich dabei um einen Gedenktag, den Deutschland 1996 einführte und den die Vereinten Nationen 2005 international übernommen haben. In Israel wird seit 1951 der «Jom HaZikaron LaSchoa weLaGwura», übersetzt «Tag des Gedenkens der Schoah und des Heldentums», begangen. Dieser orientiert sich am einmonatigen Aufstand von Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto im April 1943. Damit wird betont, dass Jüdinnen und Juden nicht nur Opfer waren, sondern dass sie sich auch gegen das nationalsozialistische System wehrten.

Gedächtnistheater

Wer jetzt ein Buch erwartet, das die Schrecken des Nationalsozialismus aufgreift: Das wird es nicht geben. Nicht, weil es nicht wichtig wäre, über diese Zeit zu reden. Charlotte Knobloch tat das gestern klar und deutlich im deutschen Bundestag. Auch auf Twitter fanden sich alte Familienfotos, letzte Worte von Deportierten und mehr. Doch wenn man sich auf die Vergangenheit beschränkt, kann der Eindruck entstehen, dass Jüdinnen und Juden seit 1945 keiner Diskriminierung mehr ausgesetzt wären. Auch darüber wurde im Bundestag gesprochen. Marina Weisband betonte, angelehnt an die Worte von Primo Levi: «Jüdin in Deutschland zu sein bedeutet vor allem zu verstehen, dass es passiert ist und folglich wieder passieren kann.»

Dass eine Verengung auf die Vergangenheit problematisch ist, zeigt auch Max Czollek. Er ist Lyriker, Politikwissenschaftler, Jude, Deutscher und er promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin zu Antisemitismus im frühen Christentum. In seiner 2018 erschienenen Streitschrift «Desintegriert euch!» beschreibt er auf knapp 200 Seiten, was er in Anlehnung an den Soziologen Y. Michal Bodemann «Gedächtnistheater» nennt: Wie in einer Art Theaterstück würden Jüdinnen und Juden vorwiegend als Überlebende des Holocausts definiert. In der Rollenzuschreibung als «Juden» würden sie auf Holocaust, Antisemitismus und die Israelfrage reduziert.

In der Konstruktion dieser «Juden» gehe es, so Czollek, nicht darum, reale jüdische Vielfalt abzubilden oder Jüdinnen und Juden eine eigene Stimme zuzugestehen. Vielmehr würden Jüdinnen und Juden für ein deutsches Anliegen instrumentalisiert: Sie sollen zeigen, dass Deutschland seine ‹Hausaufgaben› gemacht habe, sich brav an Vergangenheit erinnere und im Gegenzug wieder ein positiver Begriff vom Deutsch-Sein und von Heimat möglich sei. Czollek spricht deshalb auch von «Wiedergutmachung einer deutschen Identität».

Vorherrschendes Integrationsparadigma

Max Czollek will bei diesem Gedächtnistheater nicht mitmachen. Er argumentiert einerseits, dass viele Jüdinnen und Juden in Deutschland gar keine unmittelbare Holocaust-Erfahrung hätten, weil sie beispielsweise aus der Sowjetunion oder Israel eingewandert seien. Damit sei das zentrale Motiv des Gedächtnistheaters hinfällig. Andererseits folgert Czollek aus dieser fiktiven Rolle der «Juden», dass in der deutschen Politik offenbar die Wahrnehmung vorherrsche, dass es eine klare, deutsche Identität gäbe, in die sich Aussenstehende – also Jüdinnen, Juden, Migrant*innen, Muslim*innen etc. – integrieren müssten. Czollek hält einem solchen Integrationsparadigma dreierlei entgegen:

  1. Dass eine solche homogene deutsche Identität nicht existiert.
  2. Dass ein Viertel der deutschen Gesellschaft damit dem Verdacht ausgesetzt werde, nicht deutsch genug zu sein.
  3. Dass dieses Viertel sein «Deutsch-Sein» beweisen müsse.

Czollek konstatiert, dass gegenüber AfD-Kreisen eine «Rhetorik der Zärtlichkeit» an den Tag gelegt werde und sie als frustrierte oder wütende Deutsche betrachtet würden, anstatt eine klare Abgrenzung gegenüber rassistischer Ideologie vorzunehmen. Wogegen Migrant*innen eine Rhetorik der Härte und der Anpassung erfahren würden.

Ein neues Konzept

Vor dem Hintergrund dieses Befundes plädiert Max Czollek für das politische Konzept der «Desintegration». Mit Bezug auf jüdische Identität heisst das für ihn: Die Erwartungen an die jüdische Rolle nicht zu erfüllen und sich dem vorherrschenden Integrationsparadigma zu widersetzen, welches völkisches Denken begünstige. Czollek sieht in seinen lyrisch ausgesprochenen Rachegedanken die Möglichkeit, sich gegen die vorgeschriebene Rolle als «guter Jude» zu wehren. Desintegration heisst für Czollek aber auch, «radikale Vielfalt» zu berücksichtigen. So fordert er am jüdischen Beispiel, das vorherrschende Bild von aschkenasischen Jüdinnen und Juden um jemenitische, äthiopische oder iranische Jüdinnen und Juden zu ergänzen. Czollek betont, dass es illusorisch ist, dem Gedächtnistheater vollständig entkommen zu wollen. Wichtiger ist für ihn, dass Jüdinnen und Juden ihre Vielfalt nutzen, um eigenständige Gegennarrative zu einer Holocaust-definierten Identität zu schreiben.

Gegenwärtige Probleme

Czolleks These wurde und wird gemischt aufgenommen. Kritisiert werden seine Schwarz-Weiss-Dichotomie, mit der er Deutsche stereotypisiert, die Korrelation einer angeblich falschen Erinnerungskultur mit dem Aufkommen völkisch-nationalen Denkens sowie die Problematik, dass Antisemitismus durch muslimische Migrant*innen zugenommen hat. Dadurch bleibt unklar, wie Czollek radikale Vielfalt politisch gestalten würde. Nichtsdestotrotz liegt die Stärke des Buchs darin, dass es die Stellung oder die «Rolle» von Jüdinnen und Juden als «Minderheit» in der Mehrheitsgesellschaft reflektiert. Wenngleich einige Annahmen bestreitbar sind, sehe ich Czolleks Buch als zeitgenössische Pflichtlektüre. Er zeigt eindrücklich, dass sich Deutschland primär für sich selbst und teilweise deformiert erinnert – und dass ein offener, ehrlicher und konstruktiver Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt bislang schwerfällt. Czollek liefert keinen Drei- oder Zehnpunkte-Plan, wie alles anders werden kann. Aber er zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie sehr Sprache Erinnerung formt und wie wichtig es ist, präzise hinzusehen, wenn Geschichte geschrieben wird.

Es reicht nicht, #Auschwitz76, #WeRemember oder #HolocaustGedenktag in den sozialen Netzwerken zu teilen. Bereits heute Morgen waren diese Tweets wieder aus den Trends verschwunden. Jüdinnen und Juden bleiben dagegen einen Teil der Gesellschaft. #NieWieder wird nur möglich, wenn gegenwärtige Probleme von Jüdinnen und Juden ernst genommen werden. Auch in der Schweiz.

Photo by christoph wesi on Unsplash

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1 Kommentar zu „Das Theater mit dem Gedächtnis“

  1. Andreas Imhasly

    Der Begriff „Gedächtnistheater“ ist nicht nur polemisch, er ist diffamierend. Und dies in einer Zeit, wo gelebte Erinnerung (die hier unter totalem Verdacht steht) in den realen gesellschaftlichen Verhältnissen immer „unmöglicher“ wird. Deshalb kann Verfasser auch billig auf eigene Vorschläge zu Alternativen verzichten. Das Selbstverständnis der Juden in D. ist gewiss nicht Sache der Politik, der „andern“. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung über „deutsche Identität“ ist kein Ersatz für eine Erinnerungskultur. Deren pauschale Dis-kreditierung mit SCHLAGworten jedoch erschwert auch die Suche nach Möglichkeiten gemeinsamer Erinnerung. Als Schweizer beeindrucken mich viele Weisen und Anlässe öffentlicher Erinnerung in D., gerade im Vergleich zu unserer Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels schweizer. Politik. Schade, dass kritische Differenzierung einem Un-Wort zum „Opfer“ gefallen ist. (Übigens der Opfer-begriff hat sich längst aus dem Schatten von Götteropfern gelöst: ein Unfallopfer wird keinem Gott dargebracht, höchstens dem Moloch Verkehr….)

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