«When we all get to heaven, what a day of rejoicing that will be!» («Wenn wir alle in den Himmel kommen, was wird das für ein Freudentag sein!»)
Wenn das titelgebende Lied im Podcast «When We All Get to Heaven» erklingt, ist das gleich doppelt berührend:
Einerseits, weil hier queere Christ:innen aus voller Kehle ihre Überzeugung besingen, dass sie in den Himmel kommen werden, obwohl ihnen eingetrichtert wurde, dass ihnen die Hölle gewiss ist.
Andererseits sorgt der Kontext des Liedes für einen Kloss im Hals: Die Aufnahme stammt aus einem Gottesdienst Ende der 1980-er Jahre – mitten in der AIDS-Epidemie. Die Gemeinde, die hier singt, verlor in diesen Jahren 500 ihrer Mitglieder an die Krankheit.
1200 Kassetten, unter Bodendielen gelagert
Gemeindemitglieder, die mit Infusion zum Gottesdienst kommen, Trauerfeiern samstags zu jeder vollen Stunde, und doch Gesang, Lachen, Spiritualität und eine starke Gemeinschaft: Diese Geschichte über die AIDS-Epidemie und eine queere Kirche in San Francisco erzählt die Podcast-Miniserie «When We All Get to Heaven».
Die Geschichte des Podcasts ist bemerkenswert:
Während ihrer Forschungen zur «Metropolitan Community Church» (MCC) in San Francisco stiess die Religionswissenschafterin Dr. Lynne Gerber auf ein Archiv mit 1200 Kassetten.
Die Kassetten waren von einem Techniker der Kirche vor dem Wegwerfen gerettet worden. Er bewahrte sie danach in einem Hohlraum im Boden auf.
Die Kasetten enthalten Aufnahmen von Gottesdiensten aus den Jahren 1987–2003. Sie wurden primär aufgenommen, weil viele erkrankte Gemeindemitglieder den Gottesdienst nicht mehr physisch besuchen konnten. Lieder und Mitteilungen, Trauerfeiern, Jahrestage und Predigten – ein Tonarchiv einer besonderen Kirche während einer speziellen Zeit.
«Total queer und total christlich»
«Ich wusste nicht, dass Leute in der Kirche so viel lachen! Ich kannte weder ihre Lieder noch die vielen Wege, mit denen sie Trauer verarbeiten», so Gerber.
«Diese Kombination von total queer und total christlich hat mich erst ziemlich durcheinander gebracht.»
Gerber war fasziniert – und beschäftigte sich als Forscherin zehn Jahre lang mit dieser Kirche. Zusammen mit der Soziologin Dr. Siri Colom entschied sie, ihre Forschungen nicht nur auf akademischen Weg zu veröffentlichen. Sie wollten sie breiter zugänglich machen.
«Es geht um eine Gemeinschaft, die weiss, was Leiden bedeutet und wie man trotzdem Hoffnung findet», so Gerber im Podcast. «Und das ist etwas, wovon wir alle lernen können, ob religiös oder nicht.»
Entstanden ist nicht nur ein Podcast über eine der ersten queeren Gemeinden. Sondern ein Podcast, der erzählt, was Kirche sein kann, wenn sie sich darauf einlässt, was im Leben ihrer Mitglieder und in ihrem grösseren sozialen Kontext geschieht.
Die Geschichte der MCC
1969 war das Jahr von «Stonewall»: Die queere Community begann, Widerstand gegen Repressionen durch die Polizei zu leisten. In den Jahren darauf entstanden homosexuelle Organisationen, «Pride»-Veranstaltungen und -Paraden – und ebenfalls 1969 auch die erste «Metropolitan Community Church». Bald hatte die MCC Ableger in vielen amerikanischen Städten, darunter ab 1970 in San Francisco.
Gegründet wurde die MCC vom Baptistenprediger Troy Perry: Er war zum Schluss gekommen, dass die Spannungen und Herausforderungen im Leben von homosexuellen Menschen wie ihm nicht von Gott kamen. Sondern von der Gesellschaft, in der Heterosexualität als moralisches Ideal gilt. Deswegen wollte er queeren Menschen einen spirituellen Raum zu geben, in denen sie Mut schöpfen und, wie Gerber in Folge 2 erzählt, «ihre persönliche Beziehung mit Gott heilen» können.
«The Lord is my shepherd, and he knows I’m gay», so Perry in einer Tonaufnahme («Der Herr ist mein Hirte, und er weiss, dass ich schwul bin.»).
Die MCC sollte für die spirituellen und sozialen Bedürfnisse der schwul-lesbischen-Community da sein (obwohl auch alle anderen willkommen sein sollten). Was das tatsächlich bedeuten würde, wurde deutlich, als vor allem schwule Männer plötzlich an einer rätselhaften Krankheit litten und starben.
Eine Kirche mit AIDS
Der Podcast begleitet die Kirche von den Anfängen der Epidemie, als man sich etwa fragte, ob beim Händehalten oder beim Abendmahl eine Ansteckungsgefahr bestand, über Jahre, in der Hunderte Gemeindemitglieder starben, bis zur Erkrankung eines Pfarrers, der dank der ersten effektiven HIV-Therapien überlebte.
Die Gemeinde sorgte für diejenigen unter ihnen, die erkrankten, besuchte, pflegte sie – oft in Abwesenheit der biologischen Familien, die ihre schwulen Söhne und Brüder verstossen hatten.
Die MCC wurde zur «Kirche mit AIDS»: Bewusst entschied man sich, der Herausforderung als Gemeinde zu begegnen. «Sie gingen auf die AIDS-Epidemie zu und vertrauten, dass Gott ihnen dort begegnen würde.» Aufklärung, Diakonie und Seelsorge wurden zu Kerntätigkeiten der Gemeinde.
Man begegnete der Angst und Unsicherheit mit Liebe und betete um den Beistand Gottes.
Der Podcast erzählt auch, wie die MCC Beziehungen zu anderen Kirchen knüpfte, zu denen zwar theologisch fundamentale Unterschiede bestanden, die aber ebenfalls von der Dringlichkeit der AIDS-Krise berührt waren und sich zum Helfen aufgefordert sahen.
Vertrauen auf die Auferweckung
Die AIDS-Krise traf die junge Gemeinde jedoch auch in ihrem spirituellen Kern. Es stellten sich moralische Fragen nach Verantwortung und Schuld. Aber auch theologische, etwa nach dem Umgang mit Krankheit und Leiden oder nach Sinn im Leid.
«Heilung bedeutet, ganz zu werden», so einer der Pfarrer in einer Folge. «Das ist auch möglich, ohne dass man gesund wird.»
Die AIDS-Krise raffte so viele Freunde dahin – die Aufnahmen beinhalten Trauerfeiern, im Hintergrund von Predigtausschnitten ist zu hören, wie Menschen husten, Trauer und Verzweiflung sind spürbar. Und doch wird im Zitat eindrücklich klar, was im Podcast angesichts des Zusammenhalts und des Einsatzes für Gerechtigkeit eher etwas im Hintergrund steht:
Was den Menschen in der MCC Hoffnung und Kraft gab, war nicht allein die Gemeinschaft oder der Einsatz für Gerechtigkeit.
Vor allem durch die Lieder, die im Podcast eingespielt werden, wird aber der Grund ihrer Hoffnung immer wieder explizit:
Was letztlich trug, war das Vertrauen auf den auferstandenen Christus und darauf, dass der irdische Tod nicht das Ende bedeutet.
Und dass man Brüder, Geliebte, Freunde einmal wiedersehen würde. In Gedenkgottesdiensten und Ritualen wurde dies ausgedrückt.
Lebensfreude, aber auch Fehler und Krisen
Die MCC wurde zur spirituellen Heimat von Menschen, die Religion bisher als Ursache für Krisen erlebt hatten. Sie begegneten dort nicht der Haltung «Pray The Gay Away», sondern durften ankommen – genau so, wie sie waren.
Der Podcast zeigt, was es für queere Menschen bedeuten kann, wenn Spiritualität, Sexualität und Identität nicht im Widerspruch zueinander gesehen werden.
Wenn marginalisierte Menschen nicht Empfänger:innen von Hilfsleistungen und Grosszügigkeit sind, sondern vollwertige Gemeindemitglieder – Sorgende, Leitende, Verantwortliche.
«When We All Get to Heaven» verschweigt aber auch nicht, dass es in der MCC Fehler in der Leitung gab. Menschen erlebten teilweise erneut, dass eine Kirche sie verletzt und enttäuscht. Gleichzeitig zeigen die Tondokumente auch, wie ein Vorfall transparent und lernbereit aufgearbeitet wurde.
Berührend und spannend: eine Hörempfehlung
Ende April erhielt «When We All Get to Heaven» einen «Peabody Award» als herausragende amerikanische Radio- oder TV-Produktion, hierzulande handelt es sich noch um einen Geheimtipp.
Die Miniserie umfasst 10 reguläre plus einige Zusatzfolgen. Wer nicht die ganzen 10–12 Stunden hören mag, dem seien insbesondere die ersten drei Folgen sowie die Episode «Dress Rehearsals» empfohlen.
«When We All Get to Heaven» erzählt ein berührendes Stück Geschichte. Er lässt Stimmen zu Wort kommen, die lange zum Schweigen gebracht wurden. Der Podcast ist aber auch spannend durch die theologische Auseinandersetzung – und als Lehrstück, wie Kirche Tradition und Kontext so verbinden kann, dass sie wirklich innovativ und relevant ist.
Zum Podcast «When We All Get to Heaven»
Artikel von Lynn Gerber über die MCC-SF: «Building Resistance: On Church, Space, and Crisis»
Titelbild: Cover der Miniserie «When We All Get to Heaven» des Podcasts «SLATE».







