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Adventsgeschichten [4]: Das Amen von He-Man

Wenn wir an Weihnachten unsere Grosseltern in Italien besuchten, hat es praktisch nie geschneit. Es konnte aber trotzdem sehr kalt werden.

Weil nicht alle Zimmer des Hauses geheizt wurden, versammelte sich die gesamte Familie in der Nähe des Kaminfeuers.

Es ist nämlich nicht so, dass die Italiener:innen von Natur aus besonders gesellig wären. Manchmal geht es aber einfach nicht anders: Sie müssen dicht gedrängt ihren Platz an der Wärme teilen. In der Schweiz funktionieren in der Regel die Heizungen hingegen gut (auch während der Energiekrise) und jeder kann für sich alleine sein.

Die Traktörchen

Als wir noch Kinder waren, beobachteten meine Cousins und ich hypnotisiert die Glut, während uns Nonno die unglaublichsten Geschichten erzählte. Eine davon werde ich nie vergessen. Mit aufgeregter Stimme sagte Grossvater, dass es beim Nachbar, einem stämmigen Bauern mit dröhnender Stimme, Nachwuchs gegeben hätte. Seine Traktorin hätte Traktörchen zur Welt gebracht. Ganz putzig seien sie. Überrascht war ich zunächst von der weiblichen Bezeichnung „la trattoressa“. Ich meinte, Traktoren sollten eigentlich per Definition männlich sein: stinkig, stark und laut. Nonno schwor uns, dass sein Nachbar beim Kauf nicht auf das Geschlecht des landwirtschaftlichen Gerätes geachtet habe. Das hätte er nun davon: Fünf kleine Traktoren würden jetzt im Hof für Radau sorgen.

Er hatte den letzten Satz noch nicht fertig ausgesprochen, da stand die Kinderschar bereits draussen in der Kälte. Grossvaters Nachbar war nach unseren Erläuterungen zunächst verwirrt, dann fing er an zu lachen. Und je mehr er lachte, desto grösser wurde unsere Enttäuschung, weil die Geschichte erfunden war.

Um sich zu entschuldigen, bot uns Nonno ein Stück Pandoro an.

Pandoro ist besser als Panettone, weil es keine Weinbeeren oder kandierte Früchte darin gibt.

Tombola!

Und dann spielten wir alle zusammen Tombola, die italienische Version des Lottos. Bei der Tombola müssen aber nicht unbedingt ganze Zahlenreihen voll sein. Man gewinnt bereits ab zwei Zahlen (das heisst dann „ambo“) und wenn die Karte voll ist, dann kann man eben „TOMBOLA!“ schreien. Die Karten waren früher nicht mit Plastikfenstern versehen. Um uns die bereits gezogenen Zahlen merken zu können, haben wir getrocknete Kichererbsen auf die Zahlenfelder gesetzt. Onkel Tiberio wollte immer gewinnen, und wenn seine Karten nicht so gut waren, dann stiess er zufälligerweise mit dem Knie gegen die Tischkante: Die Kichererbsen rollten davon und wir mussten neu beginnen.

Die Weihnachtskrippe

Bei den Nonni war es ebenfalls Tradition, die Weihnachtskrippe herzurichten. Bevor das Jesuskind eintraf, durften die Neben-Figuren aus Holz oder Keramik, die Jungfrau Maria und Josef, Ochs und Esel, Schäfer und Engel ihre Positionen einnehmen. Die Landschaften gestalteten wir jeweils mit Moos und Steinen aus dem Hausgarten. Die besonders frommen Familien übertrieben es: Die Krippe mutierte förmlich zum Miniatur-Dorf, inklusive Wasser- und Stromversorgung.

Das Wasser plätscherte in künstliche Seen und Bethlehem leuchtete wie Las Vegas.

Damals wusste ich nicht, dass die ganze Inszenierung als Status-Symbol missbraucht wurde.

Wir Kinder hatten jedenfalls unsern Spass und sorgten für ein paar Erweiterungen: Flughafen, Kinos und Hotels für die drei Könige, die doch irgendwo übernachten mussten. Nachdem wir das Christkind in der Krippe mit dem Rettungs-Helikopter hinunterseilen liessen, musste Wache gehalten werden. Ich traute meinen unbewaffneten Schäfern nicht, das Sicherheitsdispositiv erachtete ich als unpassend und ging auf Nummer sicher: Die Truppe wurde durch ein paar Zinnsoldaten, Indianer und die Action-Figur He-Man verstärkt. Falls sich Herodes hätte blicken lassen, hätte er seine letzte Segnung erhalten: das endgültige Amen von He-Man!

 

Photo by Marlon on Unsplash

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