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Lesedauer: 4 Minuten

Verdächtig – mit und ohne Maske

“Kennen wir uns?” – Der Mann im Zug sagte zwar nichts, aber so deutete ich seinen Blick, den er etwas länger hielt als normal. Unter seiner OP-Maske schaute ein Holzfällerbart hervor. Interesse oder eine emotionale Regung war in seinen Augen nicht zu lesen, aber schlussendlich auch kein Wiedererkennen, und so blickte er wieder weg, als die S-Bahn in den Bahnhof einfuhr.

Man gewöhnt sich schnell an die dünne Schicht über Mund und Nase. Psychologisch fühlt es sich besser an als vor der Maskenpflicht, wo man sich im öV ständig fragen musste, ob die Person schräg gegenüber allenfalls unwissentlich das Virus überträgt. Oder ob man selber bereits angesteckt war – und schwupps, schon fühlte man sich ohne Maske schuldig. Nun sind die Verhältnisse klar, und das Risiko, sich oder andere anzustecken, geringer.

Darum: “Es isch, wie’s isch”, inklusive der Brillengläser, die anlaufen, trockenen Nasenschleimhäuten und der leicht fettigen Haut nach dem Ausziehen der Maske. “Schon nicht so erotisch”, kommentierte einer im Zug kürzlich, und ja: Die Wirkung selbstgenähter Masken mit bunten Mustern hat nun mal gar nichts von venezianischen Karnevalsmasken.

Anonymität schützt vor Verdacht

Schutz ist weder bequem noch sexy. Das Unwohlsein hat aber auch damit zu tun, dass sich die allgemeine Stimmung gedreht hat: Während am Anfang der Coronazeit Solidarität herrschte, alle motiviert waren, fügen wir uns jetzt, damit das Leben einigermassen weitergeht und wir das Virus so gut es geht ignorieren können. Ungern, aber vernünftig. Das Misstrauen, das sich am Anfang in Hamsterkäufen äusserte, schwelt latent weiter.

Wenn jemand im Zug keine Schutzmaske anzieht. Oder eine zerknitterte, die beim Einsteigen noch aus der Jackentasche genestelt wurde. Wer die Maske unter die Nase zieht, erntet strafende Blicke. Wenn eine das Trinken des Kaffees im Zug unnötig in die Länge zieht, um die Tragepflicht zu umgehen, gibt es Missgunst. Das klingt zynisch, ist aber mitnichten so gemeint: Wenn die Maskenpflicht nur einer Handvoll, ja – nur einem Menschen das Leben rettet, lohnt es sich.

Die Maske bringt Anonymität und schützt gleichzeitig vor dem Generalverdacht. Wer Gesicht zeigt, macht sich angreifbar. Hätten wir aus Versehen mal keine Maske dabei, würden wir uns nackt fühlen.

Gleichzeitig verdeckt die Maske einen beträchtlichen Teil des emotionalen Ausdrucks. Sie macht das Gegenüber unleserlich, verdächtig. Auch nach Wochen blicke ich immer noch suchend in die Gesichter meiner Mitreisenden, anstatt anzufangen, Körpersprache, Kleidung und Accessoires zu deuten. “Wer ist das? Kenne ich die Person? Ist sie harmlos für mich?” Der “Swiss Stare”, unser gewohntes Mustern Fremder durch kurzen Blickkontakt, wird zum Verdachtsmoment. Ein Dilemma: Egal, ob mit oder ohne Maske – die Situation erzeugt Misstrauen.

Nähe ist unerträglich geworden

Rilke beschreibt in den “Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” eine Szene, in der eine Frau am Strassenrand sitzt, ihr Gesicht vornüber in den Händen vergraben. Der Protagonist gibt sich Mühe, leise zu gehen, um sie nicht zu erschrecken. Doch:

“Die Straße war zu leer, ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt unter den Füßen weg und klappte mit ihm herum, drüben und da, wie mit einem Holzschuh. Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so daß das Gesicht in den zwei Händen blieb. Ich konnte es darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen Händen zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich fürchtete mich doch noch viel mehr vor dem bloßen wunden Kopf ohne Gesicht.”

Ich deute diese Szene so, dass der Protagonist mit aller Kraft wegschaut, um die rohen Emotionen im Gesicht der aufgeschreckten Frau nicht sehen zu müssen. Die Situation geht ihm zu nahe. Die Allegorie passt für mich aber auch zum Dilemma im öV: Das Misstrauen mit Maske ist zwar immer noch geringer als das, wenn jemand keine trägt. Aber es ist und bleibt hier. Am liebsten blieben wir einfach zu Hause. Bei den Menschen, die wir kennen und denen wir vertrauen. Mit denen wir den Viren- und Bazillenpool teilen, deren Nähe wir ertragen, und wo auch mal eine Umarmung drinliegt. Das soziale Umfeld hat sich verkleinert. Und wer alleine ist, wird noch alleiner.

Die Maske im öV verstärkt nur die Stimmung, die momentan ohnehin herrscht. Verstohlen, misstrauisch und fragend blicken wir einander an. Die Lösung wäre einfach: Lächeln. Denn das ist trotz Maske sichtbar – und trotz Maske ansteckend.

Photo by John Noonan on Unsplash

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2 Kommentare zu „Verdächtig – mit und ohne Maske“

  1. Die Maske ist auch ein mystisches Zeichen. Es erinnert uns daran, dass wir in seelischen Themen unklar sind. Tragen wir eine Maske unbewusst, können wir Scham, Angst, Trauer und Wut verdecken. Diese negativen Erlebnisse lasten teils zentnerschwer auf der Seele und fallen der Freude zur Last. Deshalb ist die Maskenpflicht eine Erinnerung von Aussen nach Innen zu schauen. Dort liegen die Schätze – schwere und leichtere. Sie zu entdecken ist die grösste Lebensaufgabe des Selbst. Die Maßnahmen im öffentlichen Raum sind ein Spiegel, um unsere Glaubenssätze zu betrachten. Was glaube ich über mich? Was ist davon echt und was eher eine Maske? Was ist mir schon bewusst und was könnte als Maske auf meiner Seele unbewusst liegen? Denn schon Jesus sagte: Denn nach deinem Glauben geschehe dir. Besinnen wir und lernen wir wieder Glauben in Form der alltäglichen Glaubenssätze einzuordnen, können wir die Maskenpflicht als großen Spiegel annehmen und für diejenigen, für die es bedeutsam ist, kann ein relevanter Bezug zur Reinheit der Botschaft Jesu gezogen werden.

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