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E-Mail für Sie

„Einverstanden“, schrieb Daniel Kosch zu meinem Blogbeitrag zur Suche nach einer relevanten theologischen Sprache, „aber nun konkret: Wie klingt die Anfrage an die junge Mutter. Gesetzt der Fall, Sie würden Ihr eine das Gespräch vorbereitende E-Mail schreiben?“

Ich möchte nicht bei der Kritik stehenbleiben. Deshalb mein zaghafter Versuch, wie ich mir eine solche vorbereitende E-Mail vorstelle, die sich der Frage nach der christlichen Kirche in einer zeitgemässen Sprache annähert.

Ich schreibe dabei von der reformierten Kirche, weil ich die kenne und in ihr beheimatet bin. Damit beabsichtige ich aber keine konfessionelle Abgrenzung – im Gegenteil: die ökumenische Zusammenarbeit ist mir ein Herzensanliegen.

Liebe Frau Müller

Wir sind uns schon einige Male im Zusammenhang des kirchlichen Unterrichts Ihrer Tochter Lena und bei Gottesdiensten für Klein und Gross begegnet. Über Ihre positiven Rückmeldungen zum Unterricht und zu den Gottesdiensten habe ich mich sehr gefreut – und auch über Ihr Interesse an unserer Kirchgemeinde. Als ich Sie neulich darauf angesprochen habe, ob Sie sich vorstellen könnten, sich im Kirchgemeinderat bei uns zu engagieren, waren Sie überrascht und interessiert. Sie müssten vorher aber noch mehr darüber wissen, wofür Kirche eigentlich steht und was sie ausmacht. Denn beim Gedanken an Kirche hätten sie trotz der schönen Erfahrungen mit dem Unterricht ihrer Tochter immer noch ein zwiespältiges Gefühl. Gerne schreibe ich Ihnen meine Überlegungen zu dieser Frage und freue mich, wenn wir uns bei Gelegenheit darüber austauschen können.

Die reformierte Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft. Ohne Jesus von Nazareth gäbe es keine christliche Kirche (auch wenn er selbst keine Kirche gründen wollte). Die ersten Christinnen und Christen haben seine Botschaft weitergetragen. Sie haben geglaubt, dass uns in Jesus Gott selbst begegnet. Deshalb orientieren wir uns – ob traditionell oder modern, liberal oder konservativ – an Jesus und seiner Botschaft. Wir verstehen diese Botschaft unterschiedlich und das ist gut so.

Denn niemand kann die christliche Botschaft und ihre Wahrheit für sich allein in Anspruch nehmen.

Sie geschieht da, wo Menschen sich heute fragen, was Jesus dazu sagen würde. Und dann in Freiheit und eigener Verantwortung ihren Beitrag zu einem guten Leben in ihrer Gesellschaft leisten. Wir glauben, dass wir nicht allein von dem leben, was wir uns erarbeiten oder leisten und dass jeder Mensch kostbar und liebenswert ist, ganz unabhängig von seinen Leistungen und Verdiensten. Gott meint es gut mit jedem Menschen und dafür stehen wir ein.

Die reformierte Kirche ist eine Mitgliederorganisation. Neulich im Gottesdienst für Klein und Gross haben wir das Lied „Gott baut ein Haus, das lebt, aus lauter bunten Steinen“ gesungen. Da gehören die dazu, die unsere Arbeit durch ihre Mitgliedschaft finanziell mittragen, die, die an Veranstaltungen teilnehmen und die, die sich als Freiwillige und Ehrenamtliche engagieren. Und in anderer Weise gehören auch die dazu, die gar nicht Mitglieder sind, aber die uns Fragen stellen, Impulse und neue Perspektiven geben oder die darauf angewiesen sind, dass sie bei uns Hilfe und Unterstützung finden.

Die reformierte Kirche ist bunt und vielfältig.

Es gibt keine für alle verbindliche Lehre. Es gibt keine Hierarchie, die abschliessend über Glaubenswahrheiten befinden könnte.

Was uns verbindet, ist die Frage, was Jesus sagen würde und die Überzeugung, dass ihm das Wohl der Menschen und besonders der Schwächsten am Herzen liegt. Was uns verbindet, ist das Gespräch darüber, was das heute bedeutet.

Die reformierte Kirche will einen Beitrag leisten zu einem guten und gelingenden Leben.

Sie ist keine Gemeinschaft der besonders Frommen, sondern Teil der Gesellschaft, für die wir uns einsetzen. Wir wollen zusammenarbeiten mit anderen, mit denen uns die Leidenschaft für die Menschen und besonders für die Schwachen verbindet. Wir arbeiten zusammen mit allen, die sich für den Schutz der Umwelt einsetzen, weil wir sie als Gottes gute Schöpfung sehen.

Was unsere Gemeinschaft besonders macht, ist die Verbindung mit Jesus von Nazareth und der Glaube, dass uns in ihm Gott begegnet. Deshalb glauben wir, dass alle Macht von Menschen über Menschen begrenzt ist und uns niemand jemals ganz in der Hand hat – ausser Gott. Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch das Recht hat, wahrgenommen, anerkannt und respektiert zu werden – unabhängig von seinen Verdiensten und auch unabhängig von seiner Glaubenshaltung. Als Kirche suchen wir nicht den Erfolg für uns selbst und wir streben keinen materiellen Gewinn an. Wir wollen für die Menschen da sein. Deshalb können wir unsere Organisation nicht einfach auf Effizienz und klare Strukturen trimmen, weil da immer Platz sein muss für die weniger Effizienten, für Querdenker*innen, für die angeblich „hoffnungslosen Fälle“.

Wir wissen, dass unser Leben ein Geschenk ist. Wir versuchen, es gut zu leben, aber wir wissen auch, dass wir bei vielen Dingen das Gelingen nicht in der Hand haben. Wir hoffen, dass Scheitern uns nicht aus der Bahn wirft, weil Neuanfänge möglich sind.

Und wir lassen niemand fallen, den das Leben aus der Bahn geworfen hat – und sei es aus eigener Schuld. Wir glauben nicht einfach an das Gute im Menschen, aber wir vertrauen auf Vergebung und Versöhnung und setzen uns für Frieden und Verständigung ein.

Dafür brauchen wir nicht unbedingt Menschen, die alle Glaubensüberzeugungen mit uns teilen, aber Menschen, die bereit sind, sich einzusetzen, die Menschen gern haben, die Differenzen aushalten und die bereit sind, sich auf die Frage einzulassen, was Jesus wohl heute sagen würde.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie neugierig geworden sind und freue mich auf unser Gespräch.

Freundliche Grüsse

Bernd Berger

Meine Zeilen sind wohl immer noch recht pastoral formuliert. Niemand kann so leicht lange eingeübte Sprachformen ablegen. Aber gerne würde ich darüber diskutieren, ob in diesen Gedanken die Substanz einer biblischen Ekklesiologie verantwortlich wiedergegeben ist, ob in Sachen Relevanz und Verständlichkeit etwas gewonnen ist. Oder ob Theologie so an Substanz verliert und banalisiert wird.

 

Photo by Chris Benson on Unsplash

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3 Kommentare zu „E-Mail für Sie“

  1. Es wäre spannend, diese E-Mail zu “testen”, z.B. mit einer Gruppe von neu in die Kirchenpflege oder die Synode gewählten Personen: Was spricht mich an? Wo habe ich Fragen? Was finde ich schwierig? …
    – Würde der Bezug zu Jesus (den ich in der Sache zwingend notwendig finde!) “durchgehen”? Oder würde zurückgefragt: Warum Jesus? Was macht ihn so besonders?
    – Würde das positive Selbstverständnis “Wir lassen niemanden fallen” akzeptiert, oder würde es kritisch hinterfragt? Würde die Frage gestellt, warum dann trotzdem so viele Menschen fallen und fallengelassen werden, nicht nur von der Kirche, sondern von Gott, wenn das Schicksal zuschlägt und niemand hilft?
    Jedenfalls eröffnet die E-Mail die Möglichkeit zum Gespräch und ist zugänglich für viele, weil sie sparsam umgeht mit den “grossen Wörtern”. Und gleichzeitig zeigt sie – wie der abschliessende Kommentar – dass der christliche Glaube auf ein “Sprachspiel” angewiesen ist und zum Glauben-Lernen und zur Beteiligung am kirchlichen Leben auch gehört, dieses Sprachspiel, dessen Bausteine und Regeln zu erlernen.
    Danke jedenfalls für die Bereitschaft, den etwas unverschämten Kommentar aufzugreifen!

  2. Armin Kressmann

    Ich frage mich, ob ein Glaubensbekenntnis, das als solches im kirchlichen Zusammenleben leider nicht immer erfüllt wird, in diesem Fall die richtige Form ist. Wie wäre es mit dem Erkunden und Aufnehmen der Bedürfnisse dieser Mutter. Was suchen Sie? Was brauchen Sie? Was wünschten Sie sich? Und dann das, was Kirche, unsere Kirche, diese Kirche, hier an diesem Ort, wir, ich anbieten können (und hier auch unser Glaube) oder brauchen (es könnte sein, dass die Kirche, wir, ich, Sie bräuchte, Kirche als Ruf und Berufung), auch wir, auch ich. Könnte es zu einem Zusammengehen und Zusammenleben kommen?

  3. In diesen Gedanken ist für mich die Substanz einer biblischen Ekklesiologie verantwortungsbewusst im Grundsatz und zugleich mit Empathie individuell zugewandt wiedergegeben.
    Vielen Dank für diese durchdachte und herzliche Ermutigung.

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