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Lesedauer: 7 Minuten

Demut statt Toleranz

Eigentlich ist Toleranz immer ein kleiner Skandal: Man muss etwas hinnehmen, ertragen (lat. tolerare) und dulden, das man eigentlich ablehnt. Davon hat sich unsere umgangssprachliche Verwendung jedoch ziemlich weit entfernt. Meistens wird mit der adjektivischen Verwendung “tolerant” eine weitherzige und grosszügige Person bezeichnet. Intolerant hingegen ist jemand, der nur seine eigene Weltanschauung zulassen kann, kompromisslos und rechthaberisch auftritt. So kommt es, dass jeder gerne tolerant wäre aber niemand wirklich Toleranz üben möchte.

Ultima Ratio

Wirkliche Toleranz setzt ja voraus, dass ich an etwas leide, etwas ablehne oder schlecht finde. Was mir egal ist und was mir gefällt, muss ich nicht tolerieren. Anders aber als die umgangssprachliche adjektivische Verwendung vermuten lässt, ist Toleranz nicht die Grundlage, auf der sich Menschen begegnen und sich über ihre geteilte Welt verständigen, sondern die ultima ratio bürgerlichen Zusammenlebens. Sie steht am Schluss eines Ringens um Wahrheit und Richtigkeit, indem sich beide Parteien nicht von der Richtigkeit der jeweils anderen Seite überzeugen lassen.

Güterabwägung

Man ist nicht tolerant, wenn man die Ehe für alle, den Bau von Minaretten oder das Recht auf Schwangerschaftsabbruch akzeptiert, sondern nur, wenn man das gegen die eigene Überzeugung hinzunehmen bereit ist. Man muss also mindestens ein bisschen homophob, antiislamisch und misogyn sein, damit man in diesen Fällen weitherzig und grosszügig sein kann. Für den Fall, dass ich das bin, hat unsere Kultur einen Gedanken entwickelt, der uns alle in einer liberalen Gesellschaft leben lässt. Er geht so:

Es ist besser in einer Gesellschaft zu leben, in der auch solches erlaubt ist, was ich selbst moralisch ablehne, als in einer Gesellschaft zu leben, die nicht alles erlaubt, was ich in meiner moralisch verantworteten Freiheit tun möchte.

Du fürchtest, dass mit der Ehe für alle bald auch Leihmutterschaft erlaubt wird? Noch mehr fürchtest du gewiss einen Staat, der uns vorschreibt, mit wem wir unsere Kinder erziehen, wen wir lieben und wie wir zusammenleben dürfen. Du fürchtest eine Islamisierung unserer Kultur? Noch mehr fürchtest du gewiss einen Staat, der deine Religionsfreiheit einschränkt. Für dich ist ein Schwangerschaftsabbruch eine Tötung eines Menschen? Aber gehört zum Menschsein nicht auch die Freiheit, über seinen Körper verfügen zu können? Tolerant zu sein, bedeutet letztendlich immer, die Freiheit aller Menschen höher zu schätzen, als die eigene Wahrheit.

Anstrengende Freiheit

Darum gewähren wir uns gegenseitig die Rede- und Meinungsfreiheit. Auch wenn sie manchmal nervt. Sie ist immer wichtiger, als die Wahrheit oder die Richtigkeit. Weil wir wissen, dass ohne Freiheit alles bedroht ist, was wahr oder richtig ist. Nicht die Toleranz, sondern die Liebe zur Freiheit ist das Qualitätsmerkmal von Gesellschaften, Religionen und Personen. Und als Resultat der Freiheitsliebe ist die Toleranz grossartig. An ihr können wir messen, was uns Freiheit wirklich wert ist.

Aber diese Freiheit ist anstrengend. Sie setzt voraus, dass wir uns miteinander auseinandersetzen. Dass wir um unsere Wahrheiten ringen und darüber diskutieren, was richtig und was falsch ist. Erst wenn ich sicher bin, dass ich alle meine Argumente vorgebracht und alle Gegenargumente gehört habe, muss ich erdulden, was ich ablehne. Bis dahin kann ich mich für meine Wahrheit einsetzen und für das streiten, was ich richtig finde. Bis dahin bin ich nicht tolerant, nicht erduldend, sondern diskutierend, lernbereit und mir bewusst, dass ich mich auch irren könnte.

Ignoranz und Faulheit

Es ist mitunter schmerzhaft und mühsam, einen eigenen Irrtum zu erwägen oder gar einzugestehen. Lernbereit zu sein, kostet Energie. Viel günstiger als echte Toleranz sind die moralische Ignoranz und die intellektuelle Faulheit. Die moralische Ignoranz verzichtet (fast) auf jedes Urteil. Es gibt für sie Tabus, die sie mitzutragen bereit ist. Sie kosten nichts: Pädophilie, Mord, körperliche Gewalt und alles, was dem Common Sense als politisch unkorrekt gilt. Darüber hinaus überlässt sie alle weiteren Entscheidungen dem persönlichen Geschmack. “Es muss ja jeder selbst wissen, was für ihn am besten ist.” Oder: “Niemand kann mir verbieten, mit meinem Chef zu schlafen.”

Die intellektuelle Faulheit funktioniert ähnlich. Sie entwickelt ihre zersetzende Kraft nicht im Bereich des Moralischen, sondern im Bereich des Wissens. Für die intellektuelle Faulheit gibt es nur wenig, was man sicher wissen kann: Die Erde ist rund, meistens gelten Naturgesetze und die Wissenschaftler wissen auch nicht alles so genau. “Du lässt deine Kinder nicht impfen? Ja, da gibt es viele verschiedene Meinungen.” Oder: “Irgendwie sind doch alle Religionen dasselbe.”

Moralische Ignoranz und intellektuelle Faulheit kommen total grosszügig und weitherzig daher. In Wirklichkeit führen sie dazu, dass unsere Gesellschaft allmählich aufhört Gemeinschaft zu sein. Wir interessieren uns nicht mehr füreinander. Wir sind uns egal.

Mittel und Zweck

Die Freiheit ist aber viel komplizierter. Freiheit ist primär kein Selbstzweck, sondern die Grundlage auf der unser Wissen wachsen und unsere moralische Entwicklung fortschreiten kann. Echte Freiheit befreit uns nicht davor, Gründe für unsere Entscheidungen und Ansichten zu liefern. Wir sind nicht frei davon, uns Rechenschaft zu geben, sondern schulden sie uns gerade als freie und gleiche Menschen.

Uns ist fast alles erlaubt. Aber vieles davon ist nicht gut. Und dass etwas erlaubt ist, ist höchstens eine notwendige aber nie eine hinreichende Bedingung für das Gute. Wir dürfen T-Shirts aus Bangladesh kaufen, unsere Stoffmasken im Speisewagen ausziehen, Sex kaufen, den Partner betrügen, die Steuer optimieren und ganz viel Fleisch essen und CO2 produzieren. “Es muss ja jeder selbst wissen, was für ihn am besten ist.”

Unser Wissen ist fehlbar. Aber meistens ist es nicht falsch. Und dass Wissen bestreitbar ist und Thesen angeben, unter welchen Bedingungen sie widerlegt sind, ist eine notwendige Voraussetzung für Wissen. Keine Schwäche. Du kannst alles bestreiten, auf Homöopathie vertrauen und dich von Youtubern davon überzeugen lassen, dass dich das Fluorid in deiner Zahnpasta töten wird – falls du den Dauerstrahlungsangriff deiner Regierung durch 5G überlebst –, die Erde 10’000 Jahre alt ist oder einem Schamanen dein Geld geben, der mit deiner Oma spricht. “Ja, da gibt es viele verschiedene Meinungen.”

Was wir uns schulden

In Wahrheit wissen wir nicht einfach selbst, was für uns am besten ist und auch nicht, was wahr ist. Wir brauchen dazu einander. Von Goethe ist ein erstaunlich toleranzskeptisches Zitat überliefert: “Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.” Wir schulden uns mehr als Toleranz. Wir sollten uns anerkennen. Als Menschen, die versuchen das Richtige zu tun. Dazu brauchen wir eine gemeinsame Welt, die wir teilen. Nicht nur ökonomisch, sondern auch moralisch, kulturell und intellektuell.

In der Wissenschaft klappt das gut. Sie ist eine eigene Gesellschaft, bestehend aus vielen Communities, in denen man sich liest, beurteilt, kritisiert und lobt. Wissen ist das, was dir Siri oder Alexa beantworten können (werden). In Fragen des Wissens gibt es keine Toleranz. Dort gelten Fakten, Ergebnisse und Wahrscheinlichkeiten.

Aber moralische Fragestellungen kann die Wissenschaft nicht lösen.

Ärzte wissen nicht, ob Sterbehilfe richtig ist. Ökologinnen wissen nicht, wer wie oft fliegen darf. Biologen wissen nicht, wie moralischer Fortschritt geht und Theologinnen wissen nicht, was Gottes Wille ist. Sterbehilfe, Co2-Gesetze, moralischer Fortschritt und Gottesbilder sind kulturelle und moralische Fragen. Sie werden im Gespräch, das wir selber sind vorläufig beantwortet. Wo wir zu keinem Ergebnis kommen, wo wir uns selbst nicht finden, da sollen wir tolerant sein. Und hoffnungsvoll, dass wir eines Tages weiter kommen. Aber das schaffen wir nur, wenn wir uns gegenseitig konfrontieren, zur Rede stellen, voneinander lernen. Grosszügig aber nicht gleichgültig. Mit offenem Herz aber mit eigenem Standpunkt. Individuell aber nicht vereinzelt. Oder, in einem einzigen alten Wort zusammengefasst: demütig.

Photo by Serena Koi from Pexels
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2 Kommentare zu „Demut statt Toleranz“

  1. Gereon Vogel-Sedlmayr

    Mir gefällt das Wort “Demut” nicht. Bei mir klingt da zu viel an von “demütigen”. Besonnenheit, ja. Auch Vorsicht, Zurückhaltung, Bescheidenheit – wie man möchte. Bislang ist mir das Wort auch nur im Zusammenhang dezidiert christlich-kirchlicher Menschen begegnet, und ich habe den Verdacht, das Wort ist kirchliche Insidersprache.

    1. Stephan Juette

      Danke für den Kommentar! Ich selbst verstehe Demut als tragfähiges Verhältnis gegenüber den Mitmenschen und Gott. Jmd demütigen ist natürlich etwas ganz anderes, als demütig zu sein. Und ja, wahrscheinlich ist das Wort “verbrannt”. Aber die Idee, dass wir unser Verhältnis ggü. Gott und Welt, dem Ganzen und unserer Einzigkeit etc. überdenken sollten, finde ich bewahrenswert. Herzlich, Stephan

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