Der Philosoph Luca Di Blasi beschreibt in einem Essay mit dem Titel „Der weisse Christ. Wie die Identitätspolitik an ihr anderes Ende gelangte“ eine auffällige Verschiebung der Gegenwart: Rechte Milieus sprechen längst nicht mehr nur in der Sprache von Ordnung, Autorität und Tradition. Sie greifen zunehmend auf ein Vokabular zurück, das lange als Kennzeichen progressiver Politik galt: Verletzbarkeit, Marginalisierung, Unsichtbarmachung, Anerkennungsverlust.
Der „weisse Christ“ erscheint in dieser Konstellation nicht mehr primär als Träger gesellschaftlicher Norm und kultureller Hegemonie, sondern als Opfer.
Genau darin liegt die Pointe: Die rechte Selbstinszenierung ist nicht einfach antimodern. Sie ist eine moderne Spiegelung jener identitätspolitischen Grammatik, gegen die sie sich wendet.
Di Blasi zeigt damit in seinem Beitrag mehr als eine rhetorische Volte der Rechten. Er macht sichtbar, dass politische Semantiken wandern können. Was einmal dazu diente, reale Ausschlüsse zu benennen, kann an einem anderen Ort als Sprache der Kränkung und der ressentimentgeladenen Selbstviktimisierung wiederkehren. Darin liegt die (theologische) Anfrage seines Textes:
Wie kommt es, dass ausgerechnet jene, die lange zur kulturellen Mehrheit gehörten, sich heute erfolgreich als bedrohte Minderheit erzählen können?
Warum eine Abwehr zu einfach wäre
Theologisch wäre die bequemste Reaktion schnell gefunden. Man könnte sagen: Mit dem Christentum hat das alles nichts zu tun. Hier wird eine religiöse Sprache politisch missbraucht, mehr nicht. Aber genau diese Reaktion greift zu kurz. Sie setzt stillschweigend voraus, dass sich irgendwo hinter der Geschichte ein reines Christentum erhalten habe, das mit solchen Mechanismen eigentlich nichts zu schaffen habe.
Gerade das aber sollte man nicht vorschnell behaupten. Denn die christliche Tradition ist nicht nur Objekt fremder Aneignungen. Sie hat eigene Sprachformen, Deutungsmuster und Affekte ausgebildet. Sie kennt Verfolgung und Erwählung, Schuld und Rechtfertigung, Wahrheit und Irrtum, Gemeinde und Welt.
Keine dieser Figuren ist für sich schon problematisch. Aber alle können kippen. Und sie sind in der Geschichte immer wieder gekippt.
Wer deshalb auf Di Blasis Essay bloss mit essentialistischer Distanzierung antwortet, weicht der eigentlichen Zumutung seines Textes aus. Die theologisch präzisere Frage lautet nicht: Was hat das noch mit Christentum zu tun? Sondern:
Welche Motive des Christentums sind so beschaffen, dass sie für diese Mechanismen anfällig werden?
Das Pathos des Leidens
Das Christentum verfügt über eine starke Sprache des Leidens. Es kennt Verfolgung, Anfechtung, Kreuz, Bewährung und Treue im Widerstand. Darin liegt eine geistliche Kraft. Erfahrungen von Ohnmacht und Schmerz müssen nicht sprachlos bleiben. Sie können gedeutet werden. Darin liegt aber auch eine Gefahr.
Denn wo diese Sprache nicht mehr an konkrete Gewalt, reale Entrechtung und die Unterbrechung des eigenen Machtwillens gebunden bleibt, kann fast jede Kränkung in das Pathos der Verfolgung aufrücken.
Dann wird aus gesellschaftlichem Widerspruch ein Glaubenskampf. Aus kulturellem Bedeutungsverlust eine Passion. Aus dem Ende von Selbstverständlichkeiten ein Märtyrernarrativ. Die Figur des weissen Christen lebt von dieser Verschiebung. Sie verwandelt Privilegienverlust in Leidensgeschichte und Widerspruch in Bestätigung der eigenen Wahrheit.
Erwählung als Identitätsbesitz
Auch die Logik der Erwählung ist doppeldeutig. Theologisch verstanden ist Erwählung keine Auszeichnung, sondern der Entzug jeder Selbstbegründung. Sie verweist auf Empfang, nicht auf Leistung. Sie könnte also gerade gegen Stolz immunisieren. Historisch ist das aber keineswegs garantiert.
Erwählung kann sich in ein Restbewusstsein verwandeln: Wir sind die, die noch sehen. Wir sind die, die noch treu sind.
Wir sind die, die standhalten, während ringsum alles zerfällt. Aus Glauben wird Identitätsbesitz.
Aus Gemeinde eine moralisch gesicherte Enklave. Der Gegner wird nicht nur politisch, sondern existentiell gebraucht, weil er hilft, das eigene Selbstbild zu stabilisieren.
Dadurch entsteht jene Mischung aus Kränkung und Überlegenheit, die für rechte Opfersemantik so charakteristisch ist.
Schuld und Entlastung
Besonders heikel ist der Umgang mit Schuld. Das Christentum hat eine radikale Sprache der Verfehlung ausgebildet. Es traut dem Menschen nicht einfach zu, mit sich selbst im Reinen zu sein. Darin liegt eine Nüchternheit, die jeder moralischen Selbstüberhebung misstraut. Aber auch hier zeigt die Geschichte, dass eine starke Schuldsemantik nicht automatisch zu stärkerer Selbstkritik führt.
Wo Schuld nicht als Wahrheit über sich selbst angenommen wird, kehrt sie oft als Projektion zurück.
Dann tragen andere die Last: die Gottlosen, die Eliten, die Fremden, die Dekadenten, die Woken. Die eigene Verstrickung verschwindet hinter der Geste der Anklage. Gerade religiöse Sprache kann diese Verschiebung verschärfen, weil sie moralische Konflikte auflädt und die eigene Position mit einem Anspruch letzter Dringlichkeit versieht.
Die rechte Opfersemantik des weissen Christen tritt häufig in Form religiös codierter Entlastung auf.
Die Sehnsucht nach einer christlichen Ordnung
Hinzu kommt ein letztes Motiv. Das Christentum war nie nur Trostsprache für Einzelne. Es war immer auch Weltdeutung, Sozialform, moralische Grammatik und kulturelle Macht.
Deshalb lebt in ihm stets auch die Versuchung, nicht nur Glauben zu bezeugen, sondern Ordnung zu sichern.
Sobald diese Ordnungssehnsucht mit gesellschaftlichem Kontrollverlust zusammentrifft, entsteht eine gefährliche Verbindung.
Dann scheint nicht nur ein Glaube bedroht, sondern eine ganze Lebensform. Das Christentum wird zur Zivilisationsmarke.
Es soll Grenzen sichern, Werte bewahren, kulturelle Homogenität verteidigen. Spätestens hier wird verständlich, warum christliche Rhetorik so leicht in nationale oder zivilisatorische Bedrohungsszenarien einfliessen kann.
Die eigentliche theologische Aufgabe
Die Anfrage von Di Blasis Essay an das christliche Denken besteht also nicht darin, sich von einer rechten Karikatur zu distanzieren. Sie besteht darin, die eigene Tradition auf ihre Ambivalenzen hin zu lesen. Nur so wird theologische Kritik mehr als ein Reflex der Selbstreinigung.
Der entscheidende Punkt ist: Die Figur des weissen Christen ist nicht deshalb beunruhigend, weil sie dem Christentum völlig fremd wäre. Beunruhigend ist, dass sie aus Motiven lebt, die dem Christentum nicht äusserlich sind.
Theologische Arbeit beginnt nicht mit Exorzismus, sondern mit Unterscheidung. Diese muss freilegen, wo die eigene Sprache kippt. Wo Leiden heroisiert, Erwählung identitär aufgeladen, Schuld externalisiert und Glaube in kulturelle Selbstbehauptung verwandelt wird.
Versuchung von Innen
Wer auf Di Blasis Essay nur mit dem Satz reagiert, das sei eben nicht christlich, sagt womöglich weniger über das Christentum als über das eigene Bedürfnis nach Entlastung. Die ernstere Antwort wäre selbstkritischer.
Sie würde einräumen, dass das Christentum seine Versuchungen nicht nur von aussen erfährt. Es trägt sie in seinen eigenen Motiven mit sich.
Das erfordert theologisches Denken und geistliches Unterscheiden: nicht um die Reinheit des Christentums zu beweisen, sondern um seine gefährlichen Möglichkeiten präzise zu benennen.
An diesem Punkt wird die Debatte wirklich interessant: Der weisse Christ ist nicht einfach der Gegenbegriff zum eigentlichen Christentum. Der US-amerikanische evangelikale Nationalismus ist nicht bloss eine Fratze des Christentums, sondern eine Gestalt, an der sichtbar wird, wie leicht christliche Rede in Ressentiment umschlagen kann, wenn sie ihre eigene Ambivalenz vergisst.
Dieser Essay ist einer Übernahme aus dem EKS-Blog, dort erschien er am 31.März 2026.
Der Theologe und Blogger Stephan Jütte ist auch hier zu finden: Substack.
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