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Wortklaubereien: grosse Herausforderung

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Unternehmungslust pflegen sie von ihr zu reden, wenn eine Journalistin sie fragt: der neue Kanzler, nachdem der alte wegen Korruptionsverdacht zurücktreten musste; die Jungunternehmerin, wenn sie ihr start-up vorstellt; der Spitzensportler, bevor er am gleichen Tag zweimal auf den Mont Ventoux radelt; die Kuratorin, die als erste Frau ihre Stelle am renommierten Museum antritt. Von der grossen Herausforderung, die man zu meistern habe, reden sie. Dieses Wort, oft auch challenge, boomt. Kein Tag ohne.

In Mythen und Märchen waren es Heldinnen und Helden, die noch leibhaftige Herausforderer hatten: Götter, Geister, Unholde, Hexen. Herausforderung war Kampfansage. Abenteuer waren zu bestehen: Geliebte zu gewinnen, Feinde zu schlagen, Unheil abzuwenden. Leben war Kampf. Man musste ihn bestehen oder blieb auf der Strecke. Herausforderung war ein Lebenskampfmotiv.

Aber heute? Der neue Kanzler steht vor der Bewährung staatstragender Tugenden, die Jungunternehmerin vor einer Durststrecke hoher Risiken, der Spitzensportler vor einer extremen Kraftanstrengung, die Kuratorin vor der Überwindung von Vorurteilen. Sind das Kampfansagen? Ist das Lebenskampf? Oder wird nur dick aufgetragen?

Echte Herausforderungen sind viel weniger pathetisch, dafür aber wirklich lebensbedrohlich, nicht medienträchtig als heroisch taxiert, dafür aber Gelegenheiten echten Heldentums: Eine Heldin die afrikanische Mutter, die täglich Stunden unterwegs ist, um für ihre Kinder Wasser und Hirse zu beschaffen. Ein Held der Asylant, der mit einem Stuhl den Amokläufer hindert, weiter blind zuzustechen. Helden alle, die sich mit Erzfeinden versöhnen, auf die Knie gehen vor unvergesslicher Schuld, um Vergebung bitten können.

Für Herausforderungen gilt Adalbert Stifters sanftes Gesetz: Die Milch, die im Topf der Tagelöhnerin überkocht, folgt demselben Gesetz, das einen Vulkan zum Ausbruch bringt. Nur dass niemand die täglichen Meisterinnen und Meister so taxiert. Überleben geht ohne Pathos, bringt aber die wahren Heldinnen und Helden hervor.

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