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Wortklauberei: Zur Kenntnis genommen

Als ich meiner Institution noch zu Diensten stand, wusste ich, dass ich mit einem Vorschlag oder Projekt dann gescheitert war, wenn dieser Satz gefallen und auch noch protokolliert war: Der Rat hat xy zur Kenntnis genommen.

Irgendwie klingt etwas zur Kenntnis nehmen wie das eisige Gegenstück von sich etwas zu Herzen nehmen. Ich höre bereits den Einwand, sie seien Politikerinnen und Politiker und hätten an alle zu denken, lese dann aber wieder, ebenfalls im Protokoll, eine Beratungsfirma sei beauftragt worden, die Kommunikation des Rats zu verbessern. Dann kommt mir der böse Gedanke, man müsste halt auch eines haben, wenn man sich etwas zu Herzen nehmen wollte. Haben sie?

Das protokollarische Stereotyp ist rhetorisch ein klassischer Euphemismus und diplomatisch eine typische Nullnummer. Rhetorisch vermeidet man die Wahrheit, den Vorschlag abgeschossen und das Projekt versenkt zu haben. Diplomatisch vermeidet man ein klares Ja oder Nein. Die ironische Metapher für beides heisst schubladisieren. Eigentlich wäre ich gern dabei, wenn beim Jüngsten Gericht alle diese Schubladen geöffnet und gesichtet werden. Vielleicht liegen doch ein paar Herzen drin, wenigstens aber ein paar Konserven Herzblut.

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4 Kommentare zu „Wortklauberei: Zur Kenntnis genommen“

  1. angela wäffler-boveland

    Das jüngste Gericht: der Moment, wenn alles an den richtigen Platz gerückt wird, wenn die von Gott gemeinte Richtung zweifelsfrei offenliegt und zur Grundlage der Beurteilung von allem wird, was geschehen ist. Das ist keine moralische Drohinstanz, sondern die letztgültige Befreiung von Irrtümern, Dilemmata und dem verzweifelten Versuch, keine Fehler zu machen. Wenn Vertrauen, Zuversicht und Liebe wirklich das letzte Wort haben (und nicht das, was Moralisten Gott in den Mund legen).

  2. Jürgen Friedrich

    Der Jüngste Tag

    Es ist die reinste Glaubensfrage,
    warum Geist Zeit mit Leben füllt,
    und wohl erst am Jüngsten Tage
    wird das Geheimnis ganz enthüllt.

    Wann aber ist der Jüngste Tag?
    Wann tagt das Weltgericht? —
    Es tagt ganz ohne Paukenschlag
    überraschend schlicht.

    Der Jüngste Tag, wann kann er sein
    denn anders wohl als heute?!
    Nie kann ein Tag noch jünger sein
    als immer nur das Heute.

    Damit ist das Weltgericht
    tatsächlich ausgebrochen,
    und ob man gläubig ist, ob nicht,
    auch Urteil wird gesprochen.

    Die Frage ist nur, wer es spricht.
    Wer kann das sein? Ihr, Leute??
    Denn ohne Richter geht es nicht,
    bei keinem Gericht von heute.

    Zurück zum Geist, der Leben schuf:
    Er setzt dafür die Menschen ein
    und macht mit diesem Hauptberuf
    der Menschheit arge Pein.

    Denn Recht zu suchen, Urteil finden,
    in schönster Personal-Union
    mit es empfangen und begründen,
    das ist wie eine Schmerzfunktion.

    Und die Moral von der Geschicht`
    mit dem ewig-jüngsten Tage?
    Der Mensch hält ständig Weltgericht,
    sich selbst und auch der Welt zur Plage!

    Er glaubt, stets alles gut zu machen,
    beziehungsweise immer besser,
    doch kann man weinen oder lachen,
    die Kehle sitzt der Welt am Messer.

    Weltgericht und Seelenschmerz
    gehen Hand in Hand,
    die Fußspur, sie ist zukunftswärts
    im Gewissen eingebrannt.

    Der Mensch – als Gottes Ebenbild –
    muss sich noch erst entfalten.
    Uns dient “das Weltgericht” als Schild,
    das Ziel ganz hoch zu halten.

    © LEBENSNEBEL, Lermann-Verlag, Mainz
    sarkastische Gedichte, Jürgen Friedrich

  3. Christine Mösch

    Herzblut und verbesserte Kommunikation bleiben bei mir hängen, und dadurch drängt sich die Frage nach Inhalt und Auftritt auf. Verbesserte Kommunikation verändert höchstens den Stil, aber nicht Herzen und Haltungen und scheint mir der Versuch zu sein, die unliebsame Wahrheit in einen glänzenden Mantel hüllen zu wollen. (Da gab’s doch schon mal einen, der versuchte seine Hände in Unschuld zu waschen.)

    Herzblut verbinde ich mit Leidenschaft, Hingabe, Glaube, Liebe und Hoffnung. Von Glaube, Liebe und Hoffnung heisst es, dass sie bleiben, Bestand haben. Also bleibt auch Herzblut. Die Erkenntnisse der Quantenphysik, dass Liebe als wirksame, bleibende und alles verbindende Energie war, ist und bleibt, bestätigen mir diese biblische Aussage.

    Wenn ich den wachsenden Zerriss in unserer Gesellschaft (weltweit) weiterdenke, bin ich davon überzeugt, dass Visionäre mit Herzblut und Ideen über den Tellerrand hinaus, gefragt sein werden. Eine verbesserte Kommunikation wird nicht taugen.

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