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Lesedauer: 2 Minuten

Wortklauberei: Zeitgeist

Kaum hat man mal nicht hingeschaut, lauert wieder irgendein [Zeitgeist] im Gebüsch. Woher ist er gekommen? Aus Aladins Flasche, wo er eingesperrt war, weil er aufmüpfig gewesen war? Welche drei Wünsche erfüllt er? Ist er dienstbar oder herrisch? Geistert in ihm die Zeit, oder zeitigt sich in ihm ein Geist?

Einen genius als bestimmenden Ahnengeist oder bewahrenden Schutzgeist hatte in der Antike jeder Mann. So ist er als bezaubernder nackter Jüngling der unsichtbare Lebensbegleiter, der aus manch einem ein Genie werden lässt und den viele, sogar Frauen, denen er fehlt, genial finden. Der Engel der Christen verdankt ihm seine Flügel, die alle Jahre wieder durch verschneite Lande flattern. So sehr konnte er nicht nur Männern sondern auch deren Wirkungsstätten prägen, dass er zum genius loci aufstieg. Orten gab er ihre Ausstrahlung über Jahrhunderte, bis esoterische Wünschelruten sie als Kraftorte wiederentdeckten.

Einen genius saeculi aber gibt es erst seit deutschem Sturm und Drang, und seit es diesen Zeitgeist gibt, hört der Streit nicht auf, ob er Fluch und Todesengel ist oder Segen und Lebensglück. Immerhin heisst der römi­sche genius bei den Griechen daimon! Unterbindet er eigenes Denken oder inspiriert er es? Ist er objektiv oder imperativ, borniert oder libertär, genial oder dämonisch? Wes Geistes Kind ist, der einem Zeitgeist frönt?

Ich für meinen Teil brauche ihn nicht. Als bezaubernden Jüngling von genialen Bildhauers Hand finde ich ihn geil, auch als Reigen seliger Gei­ster, unter dem ich mir lachende, dralle, nackte Barockengelchen vorstelle, putti, die des zelebrierenden Priesters Herz erquicken. Nein, als Feminist brauche ich Zeitgeister grad gar nicht, hol sie der Teufel!

 

Ende 2020 gabs im RefLab eine 9-teilige Blogserie zum Thema «Zeitgeist», in dem sich Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz und Theologe Andreas Loos gegenseitig Bälle zuspielten. Andreas Loos war dazu auch Gast im Podcast «Ausgeglaubt»; hier geht’s zur Folge.

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1 Kommentar zu „Wortklauberei: Zeitgeist“

  1. Christian Casanova

    Einfach genial, wie immer – die Wortklaubereien begeistern mich stets, diese hier ganz besonders. Und ja, ich brauch ihn auch nicht, den Zeitgeist. Ich ziehe es vor, autonom durch meine eigene Zeit zu geistern.

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