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Wortklauberei: systemrelevant

Ist Kultur systemrelevant? Die rhetorische Frage einer Künstlerin ange­sichts der Pandemie und ihrer Einschränkungen wirkt fast empörend auf mich. Keine Frage, zuckt es mir durch den Kopf! Doch was will der Neo­logismus eigentlich sagen?

Beim Recherchieren merke ich, dass es sich um eine Wortbildung aus der Finanzkrise von 2007-09 handelt, nämlich um die deutsche Variante von systemically critical oder systemically important. Es geht ums Geld und betrifft Grossbanken, die mit einem ame­rikanischen Slogan von 1914 als too big to fail bewertet werden: Ihr Zusammenbruch hätte derart mitreissende Folgen für Finanzsysteme, dass es leichter ist, sie um je­den Preis zu stützen, als die Folgekosten zu tra­gen. Leuchtet ein im Ho­ri­zont der Finanzwelt!

Nicht einleuchten will mir, wieso die Sprache dieses einen Systems, nämlich Geld, nun auch die Wahrnehmung aller anderen Systeme be­herrschen soll. Wäre das so, dann wäre ein Gedicht von Celan so wenig systemrelevant wie ein Kind mit Diabetes, ein Konzert von Beyoncé so wenig wie eine Inderin ohne Schulabschluss.

Nein, systemrelevant wird nicht zu meinem Wortschatz gehören, denn des­sen Relevanz ist zwar auch systemisch, aber unbezahlbar.

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1 Kommentar zu „Wortklauberei: systemrelevant“

  1. Was für ein erhellender Durchblick auf den Geist des homo oeconomicus, den wir leider in immer mehr Regionen unseres Lebens hineinlassen. Mit diesem Geist darf man nicht kämpfen, man sollte mit ihm spielen, um nicht selbst seiner Marktlogik zu verfallen. Und anleiten mögen uns die Meisterinnen und Meister des Spiels, von denen die Künstlerinnen und Künstler wohl die begnadedsten sind.

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