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Wortklauberei: Symbolpolitik

Auftritte, deren Worte so mächtig dröhnen, dass ich unwillkürlich zweifle, ob ihnen etwas Handfestes folgt, Verordnungen, die so unausgegoren wirken, dass ich bereits bei ihrer Inkraftsetzung zweifle, ob sie eine Wende erreichen, Wahlversprechen, die so vollmundig Regenbogen malen, dass ich beim Aufwachen aus dem Tagtraum fröstele, denn alles ist so anders – solche Politik wird zunehmend Symbolpolitik genannt. Sie erinnert mich an Heinrich Heines Wintermärchen, an sein Eiapopeia vom Himmel, / Womit man einlullt, wenn es greint, / Das Volk, den grossen Lümmel.

Allerdings, was Heine sein Harfenmädchen 1844 singen liess, war ein Kirchenlied, das Gläubige im irdischen Jammertal aufs bessere Jenseits vertrösten sollte. Seither haben Kirchen vier Fünftel der Zustimmung verloren, Fortschritte den Himmel auf Erden gebracht, Lebenszeiten sich für viele verdoppelt. Das Symbol aber, einst Hauptwort theologischer Dogmatik und Schlüsselbegriff literarischer Deutung, in diesen Funktionen oberster Begriff fürs Verstehen von Antike und Mittelalter, verlor seine Kraft, geriet in Vergessenheit und sank herab in die Niederungen alltäglicher Kommunikation, eine Bedeutungsleiche wie so viele im gängigen Feuilleton: Vom Weltenbaum ist ein Blättchen geblieben.

Wer mit Symbolpolitik das Einlullen des grossen Lümmels meint, die pathetische Geste ohne nachhaltige Folgen, die hohle Phrase, die nur für den Moment stillstellt, der prangert zwar zu Recht ein politisches Eiapopeia an, verwendet dafür aber den falschen Begriff: Niemals ist ein echtes Symbol ein beruhigendes Eiapopeia! Wer so vom Symbol redet, unterschätzt seine unermessliche Kraft!

Das Symbol hat Bibeln geprägt, Literaturen verfasst, Kathedralen errichtet, Städte gebaut, Musik komponiert, Wissen strukturiert. Wer es zum Eiapopeia macht, kann nicht mehr lesen, was war, und so auch nicht verstehen, was ist. Es kommt darauf an, dem Lümmel zu entwachsen und ein Eiapopeia als das zu erkennen, was es ist.

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