Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 2 Minuten

Wortklauberei: Religion

Mit Religion habe er nichts am Hut, sagt am Ra­dio ein Journalist, der eben vom Libanon in die USA wechselt. Der Moderator hat ihm spitz ein paar Alternativen vorgelegt, darunter Glocken oder Muezzin? Erst schwärmt der Befragte vom Sonnenauf­gang, wenn er in Kairo auf einer Nilbrücke im Stau steht und alle Mu­ez­zins zum Morgen­ge­bet rufen. Doch dann dieser Federwisch… Dabei wirkt der Mann sympathisch: angeneh­me Stimme, diffe­renzier­te Aus­sa­gen, einfühlsame Menschennähe, über­legte Musikwünsche. Doch die­ser pseudintellektuel­le Leersatz…

Er drückt nur aus, was der amerikanische Soziologe Ca­sa­nova die Angst der Europäer vor der Religion nennt. Sie hängt mit der Säkularisierungs­the­se zusammen, die er den Lieblingsmythos euro­päischer Intellektueller nennt: Je mehr Bildung jemand habe, desto eher erübrige sich Religion. Ge­­­­bildete hätten nichts mehr mit ihr am Hut. Will jemand also gebildet er­scheinen, be­eile er oder sie sich, diesen Leersatz fallen zu lassen, am besten bei­­läufig.

Das Missverständnis liegt in einer doppelten Reduktion: erstens der Reli­gion auf ihren Heiligen Kosmos aus Vorstellungen und Gestalt­un­­gen, und zweitens dieses Kosmos auf die Institution, die ihn hütet und von ihm lebt. So bleiben von der Religion nur real existierende Fassa­den, die heute allzuoft glitzern oder schimmeln. Der Reichtum von Reli­gion aber, egal wel­cher, verschwindet und schweigt, wird besten­falls mu­se­alisiert. Noch schlimmer, der Mensch, der Reli­gi­on braucht wie Nah­rung und Flüssig­keit, Sex und Bil­dung, erkennbar an deren Motoren Sehn­sucht, Hunger und Durst, Lust und Neugier, verliert einen Teil seiner selbst. Wer aber würde wegen einer missratenen Mahl­zeit aufs Essen, wegen einer ver­korksten Sauftour aufs Trinken, wegen hoher Scheidungsra­ten auf Sex oder wegen einer verbockten Matur auf Bil­dung verzichten? Nein, Re­li­gion ist ein basales Bauelement menschli­cher Anthropologie, von der Kul­turgeschichte weltweit und über Jahrtausende be­zeugt.

So sympathisch der Mann ist, was ist davon zu halten, dass er ausge­rech­net im Libanon und ausgerechnet in den USA, wo alte Religionen und neue Parareligionen um die Herrschaft rangeln, Berichterstatter fürs Schweizer Radio ist? Wie soll das gehen mit dem Hut? Wie mit diesem Leer­satz?

What do you think of this post?
  • OMG! (1)
  • Karma-Boost (5)
  • Deep (10)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.