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Wortklauberei: mutterseelenallein

Aus meiner Kinderzeit habe ich das Wort mutterseelenallein im Kopf. Ge­rade jetzt, wieder drei Wochen in selbstgewählter Isolation, meldet es sich täglich zu Wort. Irgendwann einmal hatte ich nachgeblättert. Das Wort, das mir als Kind schon wegen seiner Länge gefiel, ist rhetorisch gleich zweierlei: eine Verballhornisierung und ein Makkaronismus.

Ver­mutlich haben Hugenotten das Wort in den deutschen Sprachraum ge­bracht: moi tout seul, ich ganz allein. Für Deutschsprachige hatte man, was üblich war, die Übersetzung allein gleich an moi tout seul ange­hängt: ein Makkaronismus wie klammheimlich aus lateinisch clam und deutsch heimlich. Irgendwann wurde das unverständliche und unaus­sprechliche Französisch durch ähnlich lautende deutsche Wörter ver­ständlich gemacht: aus moi tout wurde Mutter, und aus seul wurde See­le.

Ich finde das so witzig wie sinnig: Das tiefste Alleinsein, das jeder Mensch erfährt, ist das Alleinsein seiner Seele, wenn er sich von seiner Mutter trennt, sei es bei der Geburt, sei es in der Pubertät, sei es bei ih­rem Tod. Für viele fehlt im lockdown, was schon lange fehlt: die Mutter. Und so die Erinnerung an ein Paradies, das unabänderlich vergangen ist und in der Stille der coronabedingten Isolation in den Ohren braust.

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