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Wortklauberei: Hochkultur

Hochstapelei und Tief­sta­pelei gibt es, aber nur [Hochkultur]. Von Tiefkul­tur habe ich nie ge­lesen, denke aber, dass Populärkultur das asymmetri­sche Gegen­stück ist. Wer das Wort verwendet, gelegentlich gar im Kul­tur­radio, weiss nicht, was er sagt, oder übernimmt eine Sprach­regelung des vorletzten Jahrhunderts, die in Wahrheit volksverachtend ist.

Bis Herder ab 1770 die Stimmen der Völker hörbar machte und damit einen Boom von Volksliteratur auslöste, galt das Volk, das noch der drit­te Stand hiess, als unfähig, Kultur zu schaffen oder zu pflegen. Über Jahr­­hunderte hatten Klerus, der erste Stand, und Adel, der zweite, Kul­tur finanziert, indem sie sich bei Ho­­fe Künstler hielten und mit deren Werken schmück­ten. So verfestigte sich, wes Brot ich ess, des Lied ich sing, die Vorstel­lung, nur oben wisse man, was Kultur sei, ja, sie werde nur oben gebo­ren und erhalten. Herder hingegen schuf die mo­der­ne Bedeutung von Volk, indem er zeigte, wie expressiv Menschen, egal welchen Ein­kom­mens, sind, ferner, wie gute Kultur mehr ist als Pracht und Protz. Die Fran­­zösi­sche Revolution beendete die Dreistände­welt, und das aufkom­men­de Bürgertum beerbte Klerus und Adel, rekla­mierte Hochkultur für sich und sah von oben herab auf die da unten. Erst seit rund sechzig Jah­­ren werden Popart und Popmusik salonfähig, leider unter falschen Ti­teln.

Weder Hochkultur noch Tiefkultur gibt es, nur schlechte oder gute Pro­duk­te. Weder gibt es Einkommensstarke, die nicht zum Volk gehören, noch Einkom­mens­schwache, die sich auf Ernstes nicht verstehen!

Aber bescheidene Tiefstapler gibt es, deren Qualität die Kulturindustrie nicht sieht, und arrogante Hochstapler, de­ren Urteile ohne Kriterien fallen. Das Wort Hochkultur ist giftig und gehört ins Museum gefallener Wörter!

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