Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 2 Minuten

Wortklauberei: gerechte Sprache

Viele träumen ihn und drängen ihren Traum in den Alltag. Andere igno­rie­ren ihn, weil sie sich bedroht fühlen wie von eigenen Träu­men, die sie auch lieber vergässen. Der Traum von einer gerechten Spra­che hat so­gar zu einer eigenen Übersetzung der Bibel geführt. Ist das sinnvoll?

Nein, denke ich. Sprache kann gar nicht gerecht sein! Ihre Einzelteile ent­­­­­­stehen nicht in derselben Epoche wie eine Verfassung. Ihre Zusam­men­setzungen sind nicht revidierbar wie Gesetze. Ihre Nutzer halten sich nicht an schriftliche Verordnungen. Sprache ent­steht über Jahrhun­der­te. Wörter spiegeln längst vergangene Epochen. Bevor sie zu Gram­ma­tik und Orthographie gerinnt, hat sie le­ben­dige Ge­schichte mündlicher Nut­zung hinter sich. Ihre Wege sind krumm. Es gibt keinen normativen Ide­al­zustand von Sprache, den man einfrieren könnte, um fortan nur noch gerecht zu sprechen.

Nein, Gerechtigkeit ist kein sinnvolles Krite­rium im Umgang mit Spra­che, aber Sensibilität oder Empfindsamkeit. Es ist weder sensibel, männ­lich da­herzureden, wenn bei­de Geschlechter betroffen sind, noch em­pfind­sam, nach einem Führer zu rufen, wo gerade einer Leben vernichtet hat. Feh­­­len Sensibilität und Empfindsamkeit, so helfen auch modische Wort­mon­­ster aus wohlmeinenden Sprachlaboren nichts. Auch wird kein Stern je leuchten, über den man beim Lesen stolpert.

Sprache lebt so schräg und gerade, so gekonnt und schrill wie wir. Aber in ihr leben auch alle vor uns. Abgrund und Horror lauern in ihr, aber auch Glück und Seligkeit. Im Ge­häuse der Sprache finde ich Heimat. Ich kann eben­so schuldig wer­den wie versöhnen. Auch dichten und beten. Wer spricht und dabei auch etwas sagt, kennt die Bitte: Herr, vergib mir, denn ich habe nicht ge­merkt, was ich gesagt habe!

What do you think of this post?
  • OMG! (0)
  • Karma-Boost (3)
  • Deep (8)
  • Boring (4)
  • Fake-News (1)

1 Kommentar zu „Wortklauberei: gerechte Sprache“

  1. Christine Mösch

    Der Versuch, über die Veränderung der Sprache Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern schaffen zu können, dünkt mich ein hilfloser zu sein, weil er versucht, den Prozess, welcher innerlich geschehen müsste, von aussen aufzudrängen. Nicht die Sprache muss verändert werden, sondern unsere inneren Bilder und Emotionen, welche durch die Sprache abgerufen werden. Das andere Geschlecht mit zu meinen, und sich selber mit gemeint zu wissen, hat meines Erachtens mit Respekt dem andern und sich selber gegenüber zu tun, eigentlich mit Selbstwert. Vielleicht braucht es eine Art Versöhnung zwischen den Geschlechtern, damit sich Gleichwertigkeit und Gleichwürdigkeit inkarnieren können, und zwar unabhängig von der Sprachformulierung.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.