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Lesedauer: 2 Minuten

Wortklauberei: Flickenteppich

Vanuatu besteht aus 83 Inseln und 110 Sprachen, die Schweiz aus 26 Kantonen und 4 Sprachen, Deutschland aus 16 Bundesländern und 1 Sprache. Ergebnisse von Schicksal und Geschichte sind dies: Geographie und Sprachen gegeben, Geschichte gestaltet. Im Ergebnis ist jedes Gebilde ein kulturelles Unikat, heute aber ein täglich gescholtener Flickenteppich.

Vereinheitlichung ist die gepriesene Zauberformel dieser Tage, und Föderalismus ihr verpöntes Hindernis. Viel effizienter liesse sich das Übel einer Pandemie ausmerzen, wenn Vanuatu nur eine Sprache hätte, die Schweiz keine hinderlichen Bergzüge und Deutschland dasselbe Wetter von der Etsch bis an den Belt. Wie einst Herkules könnte man kurzerhand einen Fluss durch den Stall des Augias leiten, und im Nu wäre dieses Virus fortgespült. Schneller, billiger und wirksamer wäre es, eine einheitliche Lösung für alle zu haben.

Da sing ich doch mit Inbrunst das Lob des Flickenteppichs! Dem Föderalismus liegt ein Bund zugrunde. Seine politischen Hauptwörter heissen Subsidiarität im Vertikalen und Komplementarität im Horizontalen. Was zuunterst optimal gelöst werden kann, braucht keine Weisung von zuoberst, und was an den Rändern vorbildlich entwickelt wird, empfiehlt die Mitte allen Teilen. Beurteilt wird Wegweisendes durch Partizipation aller, nicht durch Dekrete einer mächtigen Mama oder gierigen Lobby. Die Stärke eines Bundes zeigt sich in der Krise.

Früher lag der Flickenteppich in der Stube einfacher Leute. Nicht jeder konnte sich einen Perser leisten. Jeder hatte aber Stoffreste, oft von zerschlissenen Kleidern, aus denen er selbst einen Teppich herstellte. So ist im Unterschied zum Perser jeder Flickenteppich als Unikat erkennbar. Und allen gebührt Ehre. Sie sind kulturelle Erbstücke echter Demokratie.

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1 Kommentar zu „Wortklauberei: Flickenteppich“

  1. Manfred Fischer

    Sorry, liebe Eidgenossen, Deutschland reicht schon lange nicht mehr von der Etsch bis an den Belt. Auch gilt eben: Geschichte gestaltet …

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