Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 2 Minuten

Wortklauberei: Familienstück

Im Kulturradio lerne ich, dass Theater, um Nachwuchs an sich heranzuführen, gerade Neues für Kinder entwickeln: Gab es in der Adventszeit ein Weihnachtsspiel, so gibt es nun vor Weihnachten ein Familienstück. Weihnachten ist kein Inhalt mehr, sondern ein Zeitpunkt, denn Advent als Zeitraum fällt weg: Ich schlage vor, ihn im Blick auf beliebte Einkaufsstrassen Lampenzeit oder Birnenernte zu nennen. Wie wäre Energieorgie? Das Weihnachtsspiel wird ersetzt durch das Familienstück, christliche Legende durch deutsches Märchen.

Ideologisch gesteuerte Sprache ist nichts Neues, neu ist nicht mal die Ideologie. In der DDR durfte es keine Engel geben, denn die besetzten ja bereits alle Schlüsselstellen, und so gab es Jahresendfiguren: das Ensemble einer erzgebirgischen Pyramide, oder wenn ein Engel zu ersetzen war: die Jahresendfigur geflügelt. Auch ideologisch gesteuerte Inhalte sind nichts Neues. Im Nationalsozialismus waren jüdisch beeinflusste Traditionen tabu, und so wurden kontaminierte Stoffe ersetzt durch deutsche Heldensagen und Hausmärchen.

Als Christ finde ich Diffamierung, Zensur und Substitution traditioneller Kulturträger ein starkes Stück. Als Bürger fordere ich intellektuelle Wachsamkeit, denn wie Brecht mahnte: Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch! Als Kulturschaffender schäme ich mich für ideologische Repristinierung anstelle intellektueller Anverwandlung. Nachwuchs, der eine Kathedrale nicht mehr lesen kann, braucht auch kein Theater mehr. Dummheit hingegen ist gut ohne sie lernbar, Stück für Stück.

What do you think of this post?
  • OMG! (2)
  • Karma-Boost (0)
  • Deep (3)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

2 Kommentare zu „Wortklauberei: Familienstück“

  1. Das „Familienstück“ ist somit sprachlich die folgerichtige Fortsetzung dessen, was in meiner Kindheit das „Weihnachtsmärchen“ im Theater war: ist verstand damals schon nicht, was Grimms Märchen für Kinder inszeniert mit Weihnachten zu tun hatten und erfuhr von meinen Eltern, aus welcher – kaum überwundenen – Ideologie diese Tradition stammt.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.