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Lesedauer: 2 Minuten

Wortklauberei: Erwartungsmanagement

Ich erwarte immer irgendwas. Den Aufgang der Sonne, den Brief im Ka­sten, den Rotwein im Gestell. Ich erwarte oft Verrücktes. Leser meiner Texte. Schönes Wetter in Schottland. Frieden für Syrien. Ich erwarte ge­legentlich Verbotenes. Küsse im Fahrstuhl. Hostien von Priesterinnen. Gnade für Sterbewillige.

Eigentlich kann ich ohne Erwartungen nicht le­ben. Was ich aber nicht erwarte, ist Erwartungsmanagement.

Wer denkt sich ein solches Wort aus? Ein Politiker, der Angst hat, fal­sche Hoffnun­gen geweckt zu haben? Ein Bischof, der sieht, wie ihm Ent­täuschte davonlaufen? Ein General, dem klar wird, dass er sich über den Widerstand der Menschen getäuscht hat? Ich vermute, es sind Männer mit Führungsanspruch, die sich solche Unworte ausdenken, wenn sie fest­stellen, dass trotz ihrer Macht etwas schiefgelaufen ist.

Vom Zauberlehrling zu lernen, wie es ist, Geister nicht mehr loszuwer­den, die man im Übermut der Macht gerufen hat, war mal Schul­stoff. Der gute Goethe karikiert in seiner Ballade die verhängnisvolle Lust an der Macht. Sie lehrt mich, meine Erwartungen vor dem Zugriff Mächtiger zu hüten. Ge­wählte müssen den Diskurs darüber suchen, was erfüllbar ist.

Meine Erwartungen bleiben bei mir. Unerfüllbare schlucke ich selbst, noch nicht erfüllbare motivieren mich. Sie einem Manager zu übergeben, wäre fatal. Schliesslich bieten sehr erfolgreiche täglich Anschauungsma­terial. Früher nannte man sie Diktatoren, und ihr Erwartungsmanage­ment hiess Mani­pu­lation.

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4 Kommentare zu „Wortklauberei: Erwartungsmanagement“

  1. leider gibt es viel zu viele Menschen, die Macht haben und ihre Erwartungen so krass manipulativ umsetzen und skrupellos einsetzten, dass es noch den schönen „Schein“ hat, man macht was so Gutes für die Firma, Konzern, Familie, das Land , wie du schon angesprochen hast, alle die versch. Diktatoren etc…
    Habe das selbst bitter selber erfahren müssen, in einer sogenannten totalen Institution… wenn man ein wenig feinfühlig ist, fällt einem das sofort auf,
    die verschiedenen Subkulturen der Insassen und dann aber auch unter dem Staff… früher „Wärter“ heute wie fast überall sind sie „Fachmänner/frauen“ für den Justizvollzug…
    Ich habe fast 15 Jahre lang in einem Untersuchungsgefängnis im Kanton Zürich als Aufseher und Betreuer gearbeitet… ich könnte wahrscheinlich ein Buch darüber schreiben..
    Bravo Matthias für deine so starch verfassten Artikel über Erwartungsmangement und wie Du so schön schreibst,
    … meine Erwartungen bleiben bei mir….
    da kommt mir grad den für mich so neu bedeutend gewordenen psalm 131
    in den Sinn….
    ohne jetzt einen frommen „touch“ in das Ganze einbringen zu wollen…
    herzliche grüsse
    Christoph

  2. Das Problem an dieser Wortklauberei scheint mir der Begriff «Management» zu sein. Er wird ganz eindeutig negativ gefüllt, was ich so nicht einfach unterschreiben kann. Ausgedeutscht heisst für mich Erwartungsmanagement «Vom Umgang mit Erwartungen». Wer «Management» als Heilslehre versteht, was ja durchaus möglich ist, wenn wir die letzten Jahrzehnte betrachten, der bindet sich natürlich rasch an vertikale Strukturen, wo sich Einfluss und Macht, richtig und falsch etc. tummeln. Ansonsten jedoch muss jede*r einen Umgang mit seinen Erwartungen entwickeln und das ist dann elementar mit dem je eigenen Werteset verknüpft. Insofern ist die Beschäftigung mit Erwartungsmanagement eigentlich eine spannende Sache, wo neben Missbräuchen und Scheitern ruhig auch mal die Freude am Gelingen aufscheinen kann. Frohes managen!

    1. Evelyne Baumberger

      Das ging mir beim Lesen auch so. Für mich ist Expectation Management positiv konnotiert – etwas, was wir im Alltag ja ständig machen, und was beim bewussten Umgang mit Erwartungen Enttäuschungen vermeidet, uns und andere entlastet und Freiraum gibt…

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