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Wortklauberei: Drohkulisse

Wer ihm zu nahe kommt, schaut plötzlich in vier aufgerissene Augen, so unheimlich, als gehörten sie zu einem zehnmal grösseren Wesen: Das Pfauenauge droht! Wenn er sich in Gefahr sieht, pumpt er sich zu einem riesigen Ball auf, der nicht mehr nach Meeresbewohner aussieht: Der Kugelfisch droht! In die Enge getrieben stellt sie ihren stachelbewehrten Halskragen auf und zeigt mit geöffnetem Maul ihren grellgelben Schlund: Die Bartagame droht! Drohgebärden sind so reichhaltig wie Arten. Anders als Imponiergehabe sollen sie nicht die eigene Art ansprechen. Sie gehören zum agonistischen Verhalten zwischen einander fremden Arten. Es geht um Wettbewerb, Rivalität, Konkurrenz, um Territorien und Hegemonie.

Naturnahe Völker haben agonistische Drohgebärden kultiviert. Tänze, Rituale und Masken ahmen nach, womit Tierarten einander drohen. Die Botschaft ist sprachlos klar: Bleib fern! Ich bin giftig und beisse! Ich bin stärker und böser als alle Teufel zusammen! Sehr reichhaltig und gfürchig ist etwa die Haka der Maori.

Zwischen naturfernen Staaten ist davon geblieben, was Journalisten gern Drohkulisse nennen: ein Neologismus aus dem Lexikon des Kalten Krieges. Es geht um den Wettbewerb der Systeme, um Rivalität und Konkurrenz, um Territorien und Hegemonie. Dafür werden nächst der Grenze Truppen und Waffen so aufgestellt, dass der Gegner sie aus dem All gut erkennt. Wenn dieser dann nicht auch droht oder nur unerkennbar oder lediglich mit Wortgetöse, macht er sich lächerlich. Das alte animalische Spiel.

Ausser beide Seiten würden sich im Advent auf ihr kulturelles Gedächtnis besinnen: Wie einst ein flinker Hirtenjunge den hochgerüsteten Schwätzer hat stürzen und gänzlich kopflos werden lassen. Wie einst von einem unscheinbaren Hügel aus der Welt das Ende von Rivalität und Konkurrenz verkündet worden ist, sobald aus Schwertern Pflugscharen würden und Sicheln aus Spiessen. Wie einst die Hegemonie auf den Schultern eines Säuglings zu liegen kam, der Wunderrat genannt wurde statt Maulheld und Friedensfürst statt Kriegsgurgel.

Wie schön, wenn sich Drohkulissen im Rauch der Kerzen, im Klang der Choräle, im Leuchten der Ikonen auflösen in Theaterdonner und nichts von ihnen bleibt als die Hegemonie eines wundersamen Säuglings. ßraschdißtwóm!

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