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Lesedauer: 3 Minuten

Was ist christlich?

Die CVP ist ihr “C” losgeworden. Ich wurde in der letzten Woche ein paar Mal gebeten, diesem aufrichtigen Beispiel zu folgen und mein “C” auch endlich abzugeben. Dies als Reaktion auf einen Blogbeitrag, in dem ich versucht habe, meine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod zu erklären. Ein Kommentator schrieb beispielsweise:

“Wer von einer solch fundamental nichtchristlichen Grundlage aus seine Theologie betreibt kommt auch zu dementsprechenden Ergebnissen. Deshalb schätze ich Stephan Jüttes Transparenz auch, weil es hilft, seine restlichen Texte und die ganze Grundausrichtung von Reflab besser einzuordnen. Religiös und spirituell ist sie zweifellos. Christlich ist sie wohl kaum.”

Mangel an Empörung

Es wäre nun sehr postmodern, darauf im Modus der persönlichen Betroffenheit zu reagieren: “Niemand darf mir mein Christsein absprechen! Das ist sehr verletzend.” Aber dazu habe ich keine Lust und es fehlt sogar an der geringsten Dosis Empörung, die eine solche Reaktion wenigstens vor mir selbst glaubwürdig wirken liesse. In Wahrheit spüre ich: Ich bin erleichtert.

Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher erkenne ich, dass sich ein Streit darüber, ob meine Theologie “richtig” ist, von meinem Standpunkt aus gar nicht mehr lohnt. Früher, als ich mit “christlich” ein Gütesiegel verbunden hatte, das eine Eintrittskarte in den Himmel und die Bewahrung vor der Hölle bedeutet, wollte ich unbedingt Christ sein. Heute glaube ich, dass Gott grösser ist als unsere Bilder, meine Angst oder Hoffnung. Ich verstehe meinen Glauben als eine mögliche Perspektive auf Gott. Aber was ist schon eine Perspektive auf etwas, das wir alle doch nie in den Blick bekommen, das unfassbar bleibt?

Ein Ausschnitt Christentum

Ich bin dankbar für den Ausschnitt “Christentum”, den ich bis jetzt kennen lernen durfte und habe viel daran lieb gewonnen: Gottes Kind in einer Krippe, das uns alle einlädt, am Familientisch Platz zu nehmen. Die Hoffnung, dass Gott im Scheitern zum Ziel kommt. Die Liebe zum Nächsten als Gottesdienst. Das sind Bilder, die ich vielleicht nie wieder loswerde. Und ich trage sie gerne mit. Andere Vorstellungen sind mir nicht mehr so wichtig: Zum Beispiel die Trinität oder die Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf. Mich stören diese Bilder auch nicht wirklich. Sie sind einfach nicht mehr wichtig für mein Denken an Gott.

Und es gibt andere, historisch fundamentale Lehrstücke, die ich für falsch halte. Ich glaube nicht, dass die Schrift “klar” ist, d.h. die Deutung ihrer Texte in sich selbst mitführt (claritas scripturae). Luther fand das aber wichtig. Ich glaube auch nicht, dass nur diejenigen Menschen gerettet werden, die an Jesus Christus glauben, sondern wo immer ein Mensch gerettet wird, Christinnen und Christen Christus am Werk sehen.

Ich kann mir keinen Gott mehr denken, der die einen glauben und hoffen, die anderen aber verzweifeln und zu Grunde gehen lässt. Gott, wenn es der Gott aus dem Unser Vater-Gebet ist, wird sie alle in den Arm nehmen. Auch die Christen.

Jesus fände das wahrscheinlich gut. Der hat sich ja mehr dafür interessiert, ob wir den Hungrigen zu Essen, den Durstigen zu Trinken und den Fremden Platz geben. Ob wir die Kranken und Gefangenen besuchen. Ob wir nicht töten, nicht Ehe brechen, nicht stehlen, Vater und Mutter ehren und unseren Nächsten lieben, wie uns selbst. Denn Jesus lehrte einen Weg, der zum Leben führt. In das Leben hinein. Auch den Christen.

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11 Kommentare zu „Was ist christlich?“

  1. Tut gut, wenn jemand anderer genau das ausspricht, was man selbst glaubt (oder nicht mehr glaubt), wenn man sich in Worten wieder findet, die man selbst so nicht gefunden hätte. Danke dafür !
    Marina

    1. Da schliesse ich mich deinem Kommentar gleich auch an, Marina. Schön, zu merken dass es noch andere von meiner “Christensorte” gibt…😇

  2. Gut gesagt, Stephan! Mich lässt es (leider) immer noch nicht kalt, wenn mir der Glauben abgesprochen wird (je nach dem, von wem) – dein Text lässt mich auf mehr Gelassenheit hoffen 😉 Es ist wirklich so: die verbalen Schlagabtausche sind meist gleich ergiebig wie etwa ein Tennismatch zwischen zwei Spieler*innen, die auf unterschiedlichen Courts spielen.

  3. Ich möchte mich Barbaras Punkt anschliessen: Ein zeitgemässes “C” passt gut zu Dir! Unser Denken von Gott ist naturgemäss beschränkt und kann nur einen Teil der Wirklichkeit erfassen. Gott ist sicher “grösser” als die Vorstellungen in verschiedenen Religionen. Das heisst aber auch nicht, dass diese einfach austauschbar sind. Es wäre schade, die christliche Identität “kampflos” aufzugeben, nur weil einem diese abgesprochen wird. Das Ziel sollte meines Erachtens eher darin liegen, diese Identität und die dazugehörige Lehre so weiterzuentwickeln, dass sie ein modernes Gottes- und Gesellschaftsbild unterstützt.

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