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Steinzeitislam

Das sollten sie nicht tun, finde ich, nicht im öffentlich-rechtlich gesicherten Rahmen, nicht in solcher Verantwortung. Eine propagandistische Entgleisung, und eine intellektuelle Nullnummer!

Das Wort Steinzeit soll nicht nur einen uralten Zustand signalisieren: etwas, das allenfalls ins Museum für Paläontologie gehört, aber so wenig in die Postmoderne wie Dinosaurier. Es soll vor allem einen primitiven Zustand suggerieren: fehlende Bildung und Entwicklung, fehlende Kultur. Ob das neue Unwort dem Stand moderner Steinzeitforschung gerecht wird, müssen Paläontologen beantworten, ich bezweifle es. Vom Stand der Theologie und Soziologie ist es völlig unbeleckt: Fundamentalismus gibt es, theologisch betrachtet, in jeder Religion! Und kein Fundamentalismus ist, soziologisch betrachtet, eine Frage der Entwicklung! Wörter wie Steinzeitchristentum oder Steinzeitökonomie liessen sich ebenso prägen und wären ebenso propagandistisch. Auch unter Intellektuellen gibt es Fundamentalismus, sogar besonders elaborierten.

Fundamentalismus ist eine Denkform. Diese Denkform ist weder religiös noch zeitlich festgelegt. Ihre Merkmale sind Autoritarismus, Dualismus und Purismus, und alle drei sind unhinterfragbar. Wer dennoch fragt, erkennt absolutistische Strukturen, Gedankenwelten in Schwarz-Weiss-Mustern und zwanghafte Reinheitsvorstellungen. Niemand muss das eigene Land verlassen, um derlei zu finden, und wer vom sicheren Pult ein solches Unwort hinausposaunt, könnte echten Mut zeigen, indem er Betroffenen hilft.

Oder er könnte den Dialog mit landeseigenen Fundamentalisten suchen: christlichen Puristen etwa, die am liebsten lgbt-freie Zonen einrichten würden, christlichen Dualisten, die fortpflanzungsfreie Lust als sündig und krank diffamieren, christlichen Autoritäten, die noch immer Weisheit mit Weisshaarigkeit verwechseln. Warum in die afghanische Ferne schweifen, sieh, das Böse liegt so nah. (Hoffentlich erfindet keiner das Unwort Steinzeitjournalismus?)

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2 Kommentare zu „Steinzeitislam“

  1. Fundamentalismus und Steinzeit passen nicht. Steinzeitmenschen hatten wohl noch kein schwarzweisses Weltbild. Bitter, dass im Zuge der Übernahme durch die Taliban nach dem Abzug der Soldaten auch Hilfsgelder eingefroren wurden. Um zu zeigen, dass die Taliban ihre Bevölkerung nicht zu ernähren vermögen? Dass sie die Bösen sind? Wer ist hier fundamentalistisch?

  2. „Steinzeit“ geht hier gar nicht, umso mehr, da jeglicher Fundamentalismus ja eine Reaktion auf die Moderne und deshalb selber ein modernes Phänomen ist. Es bleibt aber die Verlegenheit, wie man ein Regime wie das der Taliban adäquat und ohne Überheblichkeit benennen soll. Die genannten Begriffe Autoritarismus, Dualismus und Purismus sind sicher richtig, aber für den Alltag nicht eben handlich. Auch die Bezeichnung „Fundamentalisten“ trifft zweifellos, aber sie ist für die Taliban zu harmlos, denn nicht alle Fundis sind so rabiat und mörderisch. Auch „Islamofaschismus“ zirkuliert als Beschreibungsversuch, ist aber historisch schief. – Wer hat eine Lösung?

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