
Mit überlieferten Gebeten ist es mitunter wie mit aus der Mode gekommenen Schuhen: Man erkennt ihren Wert, spürt vielleicht sogar die Wärme vergangener Generationen – und doch drückt etwas und man möchte nicht damit herumlaufen.
Eine Formulierung reibt sich am heutigen Lebensgefühl; ein Tonfall wirkt fremd; ein Bild passt uns nicht mehr.
Zugleich hat sich ein anderes Problem eingeschlichen: Viele von uns wissen gar nicht mehr, wie man betet – und vor allem nicht, warum. Gebete oder spirituelle Gesänge erscheinen wie Relikte aus einer anderen Epoche, Rituale, die zu kirchlichen Räumen gehören, aber nicht in den eigenen Alltag passen.
Die Folge: Wir legen sie innerlich zu den Dingen, von denen man annimmt, dass sie überflüssig oder «für andere» bestimmt sind.
Also: Über Bord mit dieser alten Kulturtechnik? Oder lohnt es sich, genauer hinzusehen – jenseits der tradierten Formeln? Vielleicht braucht es keinen perfekten Stil, kein vorgefertigtes Vokabular. Vielleicht genügt es, zu sprechen, wie man ist: tastend, ungesichert, mit eigenen Worten und Pausen, wo man sie braucht.
Dieses Dossier versammelt Meditationen, freie Gebete und spirituelle Anleitungen aus dem RefLab – allesamt Versuche, die alte Praxis des Gebets, der Meditation und Kontemplation neu erfahrbar zu machen.
Keine vorgegebenen Rezepte, sondern Einladungen, nach innen zu hören, eine Sprache zu finden, wo keine vorgegeben ist. Und zu erkunden, wie beten oder meditieren Teil des eigenen Lebens werden kann.
1. Ein spontanes Abendgebet
Während einer Worcation des RefLab-Teams in Frankreich – einer Arbeitswoche, die sich mit Ferienzeiten verschränkte – schrieb Janna Horstmann, Autorin und lutherische Pfarrerin, kurzerhand ein Gebet für die gemeinsame Andacht.
In der Dämmerung standen wir unten am Fluss, die Sonne bereits untergegangen, die Luft feucht und kühl. Wir hörten die neu entstandenen Worte zum ersten Mal.
Noch am selben Abend teilten Janna (Text) und Julia (Video) dieses Gebet mit der Insta-Community des RefLab. Darin tauchen alte Steinmauern auf, Träume und Schaukelstühle – Bilder, die sich mühelos zwischen Erinnerung, Landschaft und innerem Raum bewegen.
«Gott,Der Mond ist aufgegangen. Wenn der Abendwind aufzieht, wiegst du uns durch die Nacht.Wir sind geborgen zwischen grün bebäumten Hügeln und Tuchbedeckten Liegestühlen.Die Gedanken des Tages dürfen sich in die Zwischenräume der alten Steinmauern legen.Sie werden heute nicht mehr gebraucht.Die Abendstunden atmen den Gleichklang unserer Gedanken.Noch sind wir hier.haben genug gedacht.haben genug geredet.Bald legen wir unsere Körper nieder, mit allen Gedanken und aller Schwermütigkeit.Für die Nacht wünschen wir uns Träume wie Schaukelstühle, die uns durch die Nacht wiegen.Und Bettdecken aus Mondschein, der unseren Geist in den Schlaf trägt.Mit einer neuen Sonne kommt eine neue Gegenwart. Gott du bist Sanftmut.Du fährst mit deinem Abendhauch über unsere Nachtlager. Bleibe bei uns.Amen.»
Hier Janna Horstmanns Abendgebet als Video.
2. Ein gefühltes Jahr – ein Journaling-Buch
Es ist ein Angebot, das eigene Jahr noch einmal anders zu betrachten – nicht nach Terminen, sondern nach dem, was wirklich Spuren hinterlässt.
Das Buch folgt dabei Schwellenmomenten und fragt nach Gefühlen und inneren Stimmungen; es lehnt sich lose an den christlichen Festkalender an. Janna schreibt nicht über grosse Gesten, sondern über jene feinen Verschiebungen, an denen man merkt, dass sich das eigene Leben weiterentwickelt. Zwischen den Zeilen spürt man Dinge, die sich sonst entziehen:
Müdigkeiten, Hoffnungen, Verletzlichkeiten, kleine Triumphe.
Und immer wieder die Frage, wie man inmitten all dessen aufrecht, aufmerksam und wahrhaftig lebt. Wer die Texte liest, wird nicht geführt, sondern eingeladen, mitzuschwingen, mitzudenken, mitzufühlen.
«Was hast du auf dem Weg loslassen müssen? Hast du dabei etwas Neues gefunden? Woran hättest du gerne festgehalten?»
«Was nährt dich? Wovon kannst du in schweren Zeiten zehren?

3. Glaubensdinge – Was wir niemals aufgeben
Vor 1700 Jahren entstand die Formulierung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, das bis heute in vielen Kirchen gebetet wird. Auf einem Konzil, einberufen von einem römischen Kaiser, Konstantin I., wurde die Formulierung festgelegt. Johanna Di Blasi stellte fest, dass sie mehr davon übernehmen kann als gedacht. Die Herausforderung aber war, Formulierungen und Übersetzungen zu finden, die zur heutigen Lebenswirklichkeit passen. So entstand: «Mein Bekenntnis»:
«Grosses Du,
unser aller Ursprung,
ich glaube, dass Du da bist,
im Himmel wie auf Erden,
im Alltag wie auch in den Ferien,
in den Tautropfen, in hellen Momenten, in Todesstunden.Eigentlich immer und überall.
Ich glaube, dass ich erst durch Dich, mein Gegenüber, zum Du werde,
zu Deinem Du und dem Du der Liebsten und Nächsten. […]»
4. «Gott, die zäheste Zartheit»
So überschrieb die Theologin, Pfarrerin im Emmental und RefLab-Autorin Beathe Krethlow in der gleichen Reihe ihr persönliches Bekenntnis:
«Ich glaube an Gott,
den Frühling,
diese zäheste Zartheit.Ich glaube an Gott,
den Übermut,
diese kleinen Kräuter
in den Bruchstellen.Ich glaube an Gott,
die Freude,
dieser geheime Keim.Ich glaube an Gott,
das Wurzeltreiben,
diese Tragweite,
mein Lebensgrund.»
Bekenntnisse weiterer Autor:innen finden sich zusammengefasst in der RefLab-Reihe «Glaubensdinge».
5. «… und das ist Segen»
Was ist Segen? Beathe Krethlow formuliert es in einem Text für RefLab so:
«…und das ist Segen»
Schon als Kind hatte ich mir eine gusseiserne
Teekanne gewünscht. Und nun habe ich nicht eine,
sondern zwei bekommen. Das ist mehr,
als ich mir gewünscht habe. Das ist Segen.[…] Segen im Bauch, im Herzen, im Ohr; auf dem
Magen liegend, über die Leber kriechend.
Segen wächst und bewegt und hält auf Trab.
Segen lässt das Herz hüpfen, macht froh – und
macht müde. Segen hält wach.Segen ist Sorge. Segen macht sorgend.
Macht warmherzig, barmherzig.
Segen weicht auf, macht dünnhäutig,
verletzlich.Und, oh Gott, dein Segen: Er tut weh. Manchmal
tut er so weh. Und ich weiss nicht,
ist dein Segen die Wunde oder die Wundsalbe?Meine beiden Teekannen stecken die Schnäbel
zusammen. Es sieht aus, als seien sie miteinander
im Gespräch.Heiterer Plauderton. Zwischendurch satte Seufzer.
Hie und da Gekicher. Wie von zwei aufgeregten
Schulmädchen. […]Lieber Gott, mit Dir eine Weile Teekanne sein.
Oh, das wäre schön. Mit Dir Teekanne sein.
Plaudern, Seufzen. Kichern.Und in aller Ruhe warten, im Innern
Düfte entfalten. Duftend-dampfender Segen
ziehen lassen.
Amen.»
Hier geht es zum vollständigen Segensgedicht von Beate Krethlow.
6. Körpergebete
«Warum Gott mehr mit deinen Zehen zu tun hat, als du denkst»: so lautet der Claim des Podcasts «Holy Embodied» der Yoga-Lehrerin und RefLab-Autorin Leela Sutter. Sie ist überzeugt, dass das Erleben von Gott nicht abgekoppelt vom Körper ist, sondern unmittelbar im und über den Körper stattfindet. Leela weist mit Achtsamkeitsübungen und geführten Meditationen Wege in vertieftes Dasein, ganz entspannt und liebevoll, so wie es ihre Art ist.
- Hier findet ihr eine praktisch-konkrete Einladung zur verkörperten Meditation – die sowohl Stille als auch Bewegung beinhaltet. Eine Einladung, die dich aus dem Kopf in den Körper und ins Sein führt. Du brauchst dafür lediglich deinen Körper und einen Stuhl.
- Menschen, die sich für Spiritualität interessieren, interessieren sich meist auch dafür, die Welt auf eine unmittelbare Weise wahrzunehmen. Dieses unmittelbare Erleben macht uns aber auch sehr sensibel für Atmosphären und Stimmungen. Diese fünf Hacks zeigen auf, wie Selbstsorge auf einer energetischen Ebene aussehen kann.
- Ein ganz persönlicher Text über ihr Wahrnehmen des Todes ihres Vaters. Leela: «Gelebte Spiritualität erprobt sich genau in jenen Momenten, wo es so richtig ans Eingemachte geht.»
- Leela über den Umgang mit Triggern inklusive praktische Tipps. Sie erklärt: «Oftmals verbinden wir mit dem Bild einer spirituellen Person so etwas wie die Poster-Version davon: Stets mit einem Lächeln auf den Lippen, gleichmütig, sanft, nicht aus der Ruhe zu bringen. Das führt zur Annahme: Wenn ich nur genügend meditiere, kann ich mit allem locker-flockig umgehen – was aber weit weg ist von einem echten Sein in der Welt. Die Poster-Version ist, nun ja, bloss die Poster Version.»
7. Von Sanftmut bis Selfies – RefLab Meditationen
In Social-Media-Feeds drängen sich Infos, Memes, Bilder, Selbstdarstellungen. Sie überschreien häufig einander. Das kann übermüden, im Fall Hochsensibler sogar überreizen und traurig machen. Wie können wir als spirituelle und religiöse Plattform und Community im sozialmedialen Umfeld einen Unterschied machen?
Wie lässt sich die Reizfülle für Momente unterbrechen? Was verschafft Luft und Raum für andere Erfahrungen?
Die Reihe «RefLab Mediationen» aus leisen, poetischen Texten und ruhig-fliessenden Visuals ist der Versuch, dies zu erproben. Unterschiedliche Autor:innen haben Meditationen geschrieben, darunter der bekannte Spoken-Word-Künstler, Lyriker und Song Writer Marco Michalzik. Es sind Texten und Reflexionen entstanden zum Mitdenken, Einfühlen und Nachklingenlassen.
Einer von Marcos Beiträgen umkreist das Phänomen der Selfies:
«Ich mag keine Selfies
und ich hab mich oft gefragt,
woran das liegt, dass ich keine Selfies mag.und ich mein’ meine eigenen,
nicht die von allen anderen
vielleicht habe ich nur nie ganz so verstanden,
wo ich hinschauen muss
und wie die Kamera gehalten
wird.Finde nie den perfekten Winkel,
kann nicht auf Kommando grinsen,
ohne all meine Versuche
schon beim Betrachten cringe zu findenIch mag keine Selfies,
ich glaube, ich schaue mir auch nicht gern in die Augen
weil hinter den Fenstern die Gespenter lungern
und Scham und Zahlen und vergangenes Vergessen
penibel aufbewahren und immer vergleichen wollen
mit allen anderenVersteck mich hinter Wortgardinen,
wo ich entscheiden kann,
wieviel ich zeigen und ab wann
ich wieder zuziehen will…»
Die vollständige Meditation zu Selfies kannst du über diesen Link anhören und ansehen.
Hier geht es zur Reihe «RefLab Meditationen», die Janna Horstmann betreut.
8. Meditationen zum «Unser Vater»
Evelyne Baumberger und Janna Horstmann gehen in einer mehrteiligen Serie das Gebet der Gebete, das «Unser Vater», Satz für Satz durch: Evelyne reflektierend, Janna poetisch. Die erste Meditation der Reihe:
«Vater Unser im Himmel. Gott im Himmel, oder wo auch immer. Ich schriebe dir Briefe, wenn ich deine Adresse hätte. Aber meistens weiss ich einfach nicht, wo du bist.
Vater unser im Himmel, über den Wolken, wo die Freiheit noch grenzenlos ist. Bist du auch grenzenlos? Oder haben wir deine Grenzen schon längst überschritten. Weil wir zu oft an den Wolken gekratzt haben, zu viele Vögel in die Luft steigen liessen. Wie trotzige Kinder, die nicht das taten, was ihnen gesagt wurde. […]
Der Himmel bleibt Grenze und grenzenlos für uns.
Begrenzt du uns? Oder machen wir das schon immer selbst. Du scheinst immer dort zu sein, wo wir nicht sind. Und wir? Wir wollen dir nacheifern nach ganz oben. Wir bauen Türme bis nach droben, in deinen Himmel.In deinen Himmel? Oder ist es unser Himmel und wir haben dich nur dahin verbannt, weil den Himmeln nichts irdisches entstammt. Bist du dem Himmel nah? Wo wir nicht sind, bist du dann da? Wo du dann bist, bist du uns nah?
Und vielleicht, weil ich nicht weiss, wo du bist, vergewissere ich mich dessen, was ich bete: Unser Vater heisst Verantwortung. Unser Vater heisst Liebe. Unser Vater heisst ich pass auf dich auf, wenn du am Abend in dein kühles Bett steigst und ich sitze neben dir, morgens, bei deiner ersten Tasse Tee.
Unser Vater heisst du bist nicht allein. Unser Vater heisst: Du kennst mich. Du kennst mich. Du kennst mich.»
Theologische Vertiefungen zu Gebet in unserer Gegenwart und zu Spiritualität bieten aktuelle Beiträge auf Fokus Theologie.
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