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Lesedauer: 4 Minuten

Liebe Britney

Liebe Britney

Vor ein paar Wochen hatte ich einen «Was macht eigentlich…?»-Moment und klickte auf dein Instagram-Profil. Ich hatte von einem Dokfilm über dich gehört, aber keine Ahnung, worum es dabei ging. Dein Insta-Auftritt überraschte mich: Für einen Weltstar und einen Kanal mit 30 Mio. Abonnent*innen fand ich ihn erstaunlich hemdsärmlig. Es sind vor allem Videos, in denen du tanzt oder mit deinem Freund oder deinen Kindern lustige Instagram-Filter ausprobierst.

Dazwischen gibt es ein sehr kurzes Video, in denen du erzählst, dass ein Italien-Urlaub mit Donatella Versace der schönste deines Lebens war, dass du Schuhgrösse 7 hast, glücklich seist und dein Leben geniesst. Während der Aufnahme schaukelst du nervös von einem Bein auf das andere, sprichst wahnsinnig schnell und deine Fans fragen in den Kommentaren besorgt, ob alles ok sei.

Das Video hat mich berührt.

Ich empfand Mitleid und dachte, du seist vermutlich einer dieser Weltstars, die trotz ihres Reichtums unglücklich sind und sich trotzdem immer weiter selbst vermarkten.

«Du bist nur zwei Jahre älter als ich, aber wir leben völlig unterschiedliche Leben», dachte ich. Ein Gedanke, den ich oft bei Gleichaltrigen habe; meistens hängt er aber damit zusammen, dass diese Personen Kinder im Schulalter haben, während ich an meinem zweiten Studium bin. Zu dir sind die Unterschiede noch viel, viel krasser.

Du wurdest zum Weltstar, als ich ein Teenager war. Meine Freundinnen und ich tanzten Choreos zu „Oops, I did it again“, sangen „I’m not a Girl“ mit und versuchten, die Hüften so sexy zu bewegen wie du und Christina Aguilera. Du warst für uns eine Verkörperung von Sexyness, Spass und Erfolg.

Wenige Jahre zuvor hatten Paparazzi Ladi Di in den Tod gejagt, doch uns war damals nicht bewusst, dass auch hinter deinem Auftritt eine Maschinerie von Profiteur*innen steckte, die immer schneller drehte. Und erst seit kurzem ist bekannt, über wie wenig in deinem Leben du selber bestimmen kannst.

Von Selbstbestimmung keine Spur

«I’ve lied and told the whole world ‚I’m OK and I’m happy.‘ It’s a lie.» Dass du glücklich bist, sei eine Lüge gewesen. Das sagst du in der Tonaufnahme einer Gerichts-Anhörung, die Anfang Juli viral ging. Du beschreibst detailliert, wie gefangen du bist: Dein Vater als Vormund sowie dein Team entscheiden alles für dich. Bei wem, wie oft und wie lange du Therapiesitzungen zu besuchen hast, welche Medikamente du einnehmen musst, und sogar, dass du deine Spirale nicht entfernen lassen darfst, um mit deinem Partner ein Kind zu kriegen.

Unter dem Hashtag #FreeBritney gehen jetzt Fans für dich auf die Strasse, du wirst von Promis und von einigen Medien unterstützt. Die New York Times erzählt im Dokfilm «Framing Britney Spears», wie es kam, dass du unter Vormundschaft gestellt wurdest, und dass diese vor allem dazu dient, dass andere durch dich steinreich werden.

Ich wünschte mir, alle Frauen, die irgendwie eingesperrt oder mit denen Geld gemacht wird, würden diese Aufmerksamkeit kriegen.

Das Gericht hat deinen Wunsch, die Vormundschaft ohne weitere Abklärungen zu beenden, leider trotz allem abgelehnt.

Die Kreativität der Ohnmacht

In meinem Regal stehen zwei Bücher mit dem Titel «WahnsinnsFrauen», Band 1 und 2 (Hg. Sibylle Duda, Luise F. Pusch). Diese Bücher werde ich bis ans Lebensende behalten, denn sie haben mich geprägt. Im Alter von etwa 20 Jahren, als ich den ersten Band las, wurde mir klar: Niemals will ich von einem Mann abhängig sein. Soweit es in meiner Macht steht, will ich mir niemals vorschreiben lassen, was ich denke, welchen beruflichen Weg ich einschlage oder in welcher Form ich mich kreativ verwirkliche.

In den Büchern geht es um Frauen aus der Geschichte, die als «hysterisch» oder «wahnsinnig» diagnostiziert wurden, weil sie dem gesellschaftlichen Rollenbild einer ruhigen, fleissigen, bescheidenen Frau nicht entsprachen. Sie waren kreativ, selbstbestimmt, intelligent, politisch aktiv und wurden deswegen als «skandalös» oder «aggressiv» wahrgenommen. Frauen wie Camille Claudel, Théroigne de Méricourt, Sylvia Plath. Viele von ihnen wurden von ihren Familien oder Ehemännern zu Hause oder in einer psychiatrischen Einrichtung gegen ihren Willen festgehalten. Weil sie sich nicht frei entfalten konnten, wurden viele von ihnen körperlich und psychisch krank, verfielen einer Sucht oder nahmen sich sogar das Leben.

In der Einleitung von Band 1 schreibt Herausgeberin Sibylle Duda: «Im Wahnsinn zeigt sich die Kreativität [der] Ohnmacht.» Der eigene Körper sei oft das einzige, was einer Frau geblieben sei, um ein Stück Autonomie zu realisieren.

Daran habe ich gedacht, als im Dokfilm «Framing Britney Spears» gezeigt wurde, wie du dir euphorisch die Haare abrasierst und sagst: «Ich bin es leid, dass alle mich anfassen.»

Der Befreiungsschlag missglückte katastrophal und wurde dazu missbraucht, dich bis heute zu brandmarken und gefangen zu halten.

Es gibt unzählige Parallelen zwischen dir und den «WahnsinnsFrauen». Erschiene irgendwann ein weiterer Band, würde vielleicht ein Kapitel von dir handeln. Ich hoffe sehr, deine Geschichte geht besser aus als die meisten anderen.

Bild: Maxx Miller, Unsplash

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