Less noise – more conversation.
Lesedauer: 7 Minuten

Kleines Bestiarium der Ängste

In Räumen mit vielen Menschen zu sitzen, macht mir keine Angst. Wenn aber mehrere hundert Leute in einer stickigen Halle plötzlich aufstehen und wie wild boxen, angeleitet von einem Profiboxer, und dabei laut lachen und Schenkel klopfen, fühle ich mich unwohl. Und wenn dann auch noch Zweiergruppen gebildet werden sollen, um steif gewordene Glieder zu mobilisieren, während ich so tue, als würde ich in den Computer tippen, kommt bei mir Panik auf. Die Ohren sind auf einmal wie mit Watte verstopft und ich spüre Fluchtimpulse. Das irre Spektakel kommt mir vor wie die Hölle.

Solche Anfälle aber gehen meist auch schnell wieder vorüber. Es sind wahrscheinlich Überbleibsel aus der Zeit als schüchternes Kind, das nicht so recht Anschluss fand; und umso mehr in Sozialstress geriet, je mehr es in Gruppen «funktionieren» sollte.

Die Boxeinlage beim Angstfrei-Kongress war für mich eine Überraschung und ich wusste auch sonst nicht so recht, was einem bei so einer Veranstaltung (es war die dritte Ausgabe; im Vorjahr fiel der Angstkongress wegen Coronangst aus) erwartete. Mein Fazit ist gemischt. Die Konferenzbeiträge bewegten sich intellektuell auf sehr unterschiedlichen Niveaus von inspirierend bis flach oder wirr.

Angst ist das Megathema unserer Zeit

Für die Veranstaltung sprach, dass verschiedene Haltungen Platz hatten. Schulmediziner (der Wiener Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael M. Bonelli) waren ebenso als Vortragende eingeladen wie Naturheilkundler, Mikrotherapeuten (Dietrich Grönemeyer) ebenso wie Homöopathieverächter (Beda M. Stadler), Lachtherapeuten oder Philosophen (Svenja Flaßpöhler).

Es war sogar Raum für Psychiaterwitze: Wenn er gefragt werde, wie es ihm gehe, sage er: «Keine Ahnung, fragen sie meine Frau», erklärte der Psychiater auf der Bühne und lief mit dem Mikro auf und ab wie ein Leopard – oder wie Steve Jobs bei der Präsentation eines neuen iPhones.

Dass sich mehrere hundert Leute die hohen Eintrittspreise im Berner Kursaal leisten würden, es gibt Gold, Silber und Platinkategorie wie bei Kreditkarten von Schweizer Banken, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, aber der Saal füllte sich: mit Ängstlichen und solchen, die von Ängstlichen leben. Auf der Bühne: verschiedene Therapeuten, «Life Refraimer», Lebens-Coaches, eine Feministin (Julia Onken), ein Krimischreiber (Sebastian Fitzek). Verbindendes Merkmal: Bestsellerautorinnen und -autoren. Kongressveranstalter ist ein bekannter Schweizer Hypnosespezialist.

Mit dem Angstbusiness lässt sich viel Geld verdienen. Für Laien sind redliche Ansätze nicht so leicht von Humbug zu unterscheiden. Die Angst, ausgenommen zu werden, gehört sicherlich zu den berechtigten Ängsten.

Angst ist das Megathema unserer Zeit. Es gibt eine riesige Nachfrage nach Hilfsangeboten. Vor allem, wenn unbewusste Emotionen im Spiel sind, wird es schwierig. Wir haben diese nun mal nicht im Griff.

«Gefühle können sich nicht selbst ordnen. Sie können sich auch nicht selbst auflösen.» (Raphael M. Bonelli).

Wenn Gefühle dich steuern

Unbewusste Gefühle sind Gefühle, die nicht gefühlt werden, aber trotzdem handlungswirksam sind. Das ist natürlich besonders spannend. Die berühmte psychiatrische Krankheit Hysterie, heute Dissoziationsstörung, hängt damit zusammen. Menschen können sich z.B. nicht bewegen, es lassen sich aber keine physischen Hinweise auf eine Lähmung erkennen. Die Ursache ist psychisch. Und so kann es geschehen, dass scheinbar Gelähmte plötzlich aufstehen und doch gehen können. Das Phänomen ist auch der Bibel nicht unbekannt.

Gefühle suggerieren den Fühlenden, dass sie realistisch sind, selbst wenn es irrationale, paranoide Ängste sind. Auch was sich als Intuition anfühlt («Mich wird bestimmt der Blitz treffen» oder «Ich bin Gott»), kann falsch und schlichtweg eingebildet sein.

Irrationale Ängste können sich wie Käfige um Betroffene legen, mit der Tendenz, immer enger und enger zu werden. Schliesslich rauben die Angst- und Panikkranken die Luft zum Leben. Gleichzeitig sind Ängste interessant und machen interessant, vor allem wenn es exzentrische Ängste sind. Auch deswegen ist es oft wirklich schwierig, Ängste aufzugeben und – wie der Konferenztitel nahelegt – «angstfrei» zu werden. Ängste können also auch falscher Freunde sein.

Instanzen der Überprüfung von Gefühlen sind nicht auf der Gefühlsebene angesiedelt, sondern auf der Verstandesebene und im Herzen.

Angstfrei werden ist, rein theoretisch, gar nicht so schwer. Man sollte einfach anders denken! Einfach?

Generell gut ist, zwischen dich und die Angst etwas Luft zu bringen, z.B. durch Humorisierung, und zu begreifen: Du hast Angst, du bist aber nicht deine Angst.

Was ist deine tiefste Angst? Hast du dich das schon einmal gefragt?

Die tiefste Angst vieler Menschen ist nach den Erfahrungen zahlreicher Therapeuten die Angst, unverbunden zu sein, total abgenabelt sozusagen. Diese Angst sei oft sogar noch grösser und tiefer als die Angst vor dem Tod, sagt Gabriel Palacio. Aus dieser Tiefenangst resultieren andere Ängste: v.a. die Angst zu versagen und die Angst, wegen des Versagens nicht geliebt zu werden, sowie die Angst, verlassen zu werden und ohne Verbindung zu Menschen und zur Umgebung weiterleben zu müssen.

In den Konferenzpausen habe ich ein kleines Bestiarium der Ängste notiert, eine Liste, die sich fortsetzen lässt, gerne auch von euch: Jede Angst ist im Bestiarium willkommen! Ausserdem habe ich ein paar Sachen gesammelt, die Ängste nicht mögen. Es wäre gut, wenn die zweite Liste so lange oder länger würde als die erste. Vielleicht magst du mir helfen? (Bitte Notizen in Kommentarspalten schreiben und ich übertrage gute Vorschläge in die Liste.)

Kleines Bestiarium der Ängste

  • Die graue Rucksack-Angst: Ein Gewicht, das man mit sich herumträgt. Man gewöhnt sich mit der Zeit so sehr daran, dass man kaum noch merkt, dass es niederdrückt und beschwert. Es ist die graue Maus unter den Ängsten.
  • Die Steinlast-Angst: Es ist die Verschärfung der grauen Rucksack-Angst. Man trägt eine rumpelige Last aus schweren Steinen mit sich, darunter auch geerbte Gewichte, die man fälschlicherweise für eigene hält. Die Steinlast ist besonders schwer zu tragen, aber, einmal durchschaut, relativ leicht abzulegen.
  • Die Schwarze-Wand-Angst: Sie baut sich vor dir auf, zum Beispiel in Prüfungssituationen oder schwierigen und deprimierenden Arbeitsgesprächen. Die schwarze Wand schüchtert mächtig ein. Sie verliert jedoch an Kraft, wenn du schon im Vorhinein mit so einer schwarzen Wand rechnest und dir sagst, es ist nur eine Drohkulisse.
  • Die klebrige Tintenangst: Eine schwarze unangenehme Masse mit der Tendenz, alles auszufüllen, den ganzen Horizont. Hierin verwandt mit der schwarzen Wand, aber aufgrund der Klebrigkeit schwer loszuwerden.
  • Die giftgrüne schleichende Angst: Sie schleicht sich unbewusst an oder wird von lächerlichen Kleinigkeiten getriggert. Sie schickt dich in den Paniktunnel. Das Herz pocht an die Schädeldecke. Sie ist die Diva unter den Ängsten und schwer zu stoppen. Sie möchte sich ausagieren.
  • Die Marshmellow-Angstlust: Sie ist der lustige Kumpel unter den Ängsten und möchte nur spielen. Die perfekte Balance zwischen angenehm und gruselig, die Künstlerin unter den Ängsten.
  • Die orange Blitze-Angst: Sie tritt auf bei akuten schweren Schmerzen oder in panischen Momenten, in denen es wirklich oder scheinbar um Leben oder Tod geht.
  • Die gelbe Schwefel-Stinkangst: Das ist eine wiederkehrende, besonders hässliche Angst, die sich dir an die Fersen klemmt und dir immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen will.
  • Die wilder Wichtel-Angst: Sie ist verwandt mit der gelben Schwefel-Stinkangst. Sie spukt herum, taucht scheinbar vollkommen unmotiviert auf und benimmt sich wie ein böser, ungezogener Kobold. Wenn der Anfall vorbei ist, fühlst du ein schlechtes Gewissen.

Was mögen Ängste nicht?

  • Glückliche Kindheitserinnerungen erinnern (selbst in einer miesen Kindheit dürfte es eine oder zwei geben), das Lächeln des kleinen Kindes sehen, das man einmal war, ihm die Hand reichen (Hypnosetherapeut Gabriel Palacio)
  • Ein sehr hohes Alter erreichen, sagen wir über 90, wo es einem egal wird, wie und was andere von einem denken (Bestsellerautorin Julia Onken)
  • Gedichte oder Gebete auswendig lernen und sie aufsagen, wenn die Angst anklopft und einen zum Beispiel nachts nach dem Toilettengang nicht mehr einschlafen lässt. (Julia Onken)
  • Lachen (Lachcoach und Life-Reframerin Carmen Goglin; sie unterscheidet «friedliches Feierabendlachen», «göttlichen Humor», «Lachen ohne Grund» etc.)
  • Noch während du dich über etwas ängstigt, eine Krimihandlung ausdenken und als Krimiautor die Bestsellerlisten anführen. Dann nämlich freust du dich fast schon auf Ängste. (Sebastian «Thriller-König» Fitzek).

Photo: Sorgenfresser auf der Angstfrei-Konferenz 2022 im Kursaal Bern, Johanna Di Blasi

What do you think of this post?
  • OMG! (0)
  • Karma-Boost (8)
  • Deep (5)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

4 Kommentare zu „Kleines Bestiarium der Ängste“

  1. Ein großartiger Text!

    Fürs Bestiarium: Schwarzblaue Nachtangst. Kommt ausschließlich in der tiefsten Nacht angekrochen und nutzt die im Liegen oftmals reduzierte Denkfähigkeit als Einfalltor, um Fehler, Furcht und Verzweiflung in Endlosschleifen durchs matte Hirn zu treiben. Hat tagsüber kaum Chancen, es sei denn, man ist chronisch übermüdet.

    Was u. a. obige Bestie nicht mag: Wenn es ringsum wieder Licht wird und andere (wichtigere) Dinge in der Vertikalen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

  2. Mir gefällt der Beitrag sehr. Danke für die viele wertvolle Info 🤗. Ich hab letztes Jahr eine Therapie bei einem Institut gemacht, das sämtliche Ängste therapiert zum Teil mit virtual Reality. Dort hab ich gelernt mich im Panikfall ganz klar zu fragen: Wie wahrscheinlich ist das?
    Wenn also meine Höhenangst im Treppenhaus ab dem 3. Stock mir einredet, ich stürz gleich über das Geländer!….bleib ich stehen, sammle mich und frage mich: Wie wahrscheinlich ist das?! Die Antwort in diesen Fällen ist immer: ziemlich unwahrscheinlich!!! So lernt man Schritt für Schritt sich so zu verhalten wie ein „normaler“ Mensch, der diese Angst nicht hat. Das hilft mir extrem.

  3. Ängste haben ist an für sich etwas Normales, die wie Hunger oder Bedürfnis nach Liebe zu unserem Leben gehören. Nur wenn die Ängste uns haben, wird es nicht mehr ganz normal.
    Ich finde das Bestiarium wunderbar ! Es berücksichtigt nur etwas wenig die Tatsache, dass auch Ängste – wie alle Gefühle- ernst genommen werden wollen: sie wollen etwas von mir, das ich offenbar noch nicht gelernt habe. Ich muss also zweierlei lernen: mit meiner Angst umgehen, und erkennen, was hinter ihr steckt. .

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.