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Lesedauer: 5 Minuten

Keine Angst vor der Gretchenfrage

Man kann 20 Jahre lang einen Job in der Kirche haben, aber nie mit Mitarbeitenden darüber reden, was man eigentlich glaubt. Das erzählte mir kürzlich eine Bekannte, die in einer nicht-theologischen Abteilung einer Landeskirche arbeitet.

Das ist natürlich auf der einen Seite lobenswert, weil der persönliche Glaube bei einer solchen Stelle (auch in der Kirche) Privatsache ist. Auf der anderen Seite kommt es einem aber auch etwas schräg vor, weil der Glaube immerhin das „Produkt“ ist, für welches unser „Unternehmen“ wirbt.

Erfahrung: Witze sind OK, Ehrlichkeit ist schwierig

Ähnlich ist es sogar im Theologiestudium: Sich und andere auf dem christlichen Glaubensspektrum zu verorten, gleicht häufig einem Eiertanz. Gründe dafür:

  • Man will nicht als „fromm“ gelten, hat Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden.
  • Glaube ist etwas sehr Persönliches, kein Smalltalk-Thema. Sich zu öffnen, setzt Vertrauen voraus.
  • Dann die Befürchtung, das Gegenüber könnte eine andere Ansicht vertreten: Und Diskussionen über Glaubensdinge, ohne in die Defensive oder Offensive zu gehen, scheinen schwierig.

Religion ist heikles Terrain. Auch unter Freunden: Witze gehen, aber ehrliche Gespräche darüber, was man glaubt, woran man zweifelt und was man im tiefsten Inneren hofft? Schwierig.

Gelungene Gespräche schaffen Vertrauen

Wenn die Kommunikation über das, was man glaubt, aber gelingt, kann das Vertrauen schaffen. Deswegen lohnt es sich, Glaubensdinge aus dem Tabubereich zu holen und die Gretchenfrage zu stellen. Auch (und gerade dann!) wenn man sich nicht sicher ist, was und woran man eigentlich glaubt.

Manchmal geschieht dies zufällig: über „identity markers“, welche einen auf dem religiösen Spektrum verorten – etwa die Erwähnung eines kirchlichen Engagements, Cevi, Gottesdienst. Oder im Gespräch über Themen wie Meditation oder Hochzeit, die eine spirituelle Komponente haben.

5 Tipps gegen religiösen Eiertanz

Man kann es sich leichter oder schwerer machen, über den persönlichen Glauben oder Unglauben zu reden. Aber wichtig: Dies ist kein Aufruf zum Missionieren, sondern zu authentischen, unkomplizierten, respektvollen Gesprächen über Spiritualität.

1. Glaube ist ein Prozess

Was ich heute glaube, kann morgen schon anders sein, geschweige denn in einem Jahr. Das ist völlig normal! Darüber zu reden heisst nicht, ein „Bekenntnis“ abzulegen, sondern eine Momentaufnahme zu machen.

Wir werden tagtäglich geprägt von dem, was wir lesen, sehen, erleben und hören – auch für unsere Spiritualität. Wer sich damit aktiv auseinandersetzt, dessen Glaube verändert sich auch laufend. Sich dessen bewusst zu sein, entspannt.

Überleg dir hin und wieder mal, was du eigentlich glaubst, und wie es sich in den letzten Monaten und Jahren verändert hat:

  • Welche Lebensereignisse haben meinen Glauben geprägt?
  • Welche Bücher, Podcasts, Artikel, denen ich begegnet bin, sprechen diesen Themenbereich an, und was nehme ich daraus mit?
  • Wer hat mir etwas zum Thema Spiritualität erzählt, und was davon hat mich angesprochen?
  • Zweifle ich mehr als vor einem Jahr? Glaube ich stärker als vor einem Jahr? Warum?
  • Wo findet mein Glaube im Alltag statt? Was verbinde ich damit? Welche Rituale gehören zu mir, wann bete ich ein Stossgebet?

2. Nicht schubladisieren

Für die einen ist es eine Horrorvorstellung, in der “Freikirchler”-Schublade zu landen. Andere möchten auf keinen Fall als “Wellness-Spirituelle” gelten. So wenig ich selber mit einem Label versehen werden möchte, so wenig sollte ich dies bei anderen tun. Auch der Glaube des Gegenübers ist eine Momentaufnahme. Lern seine/ihre Geschichte kennen.

So selbstverständlich es klingt: Dabei ist gegenseitiger Respekt das A und O. Weder soll ich eine andere Art von Glauben als Messlatte für meine eigene Spiritualität verstehen, noch diejenige der anderen Person beurteilen. Ich muss nicht einmal dazu Stellung nehmen, sondern kann einfach zuhören. Mir hilft es auch, mich zu fragen, was ich von der anderen Person und ihrer Art zu glauben lernen kann – bei allem, was uns möglicherweise unterscheidet.

3. Eine Sprache finden

Übers Wetter zu reden, ist einfach. Wir haben Begriffe, Erfahrungen, Apps und Nachrichten. Über Glaubensdinge zu reden, ist eher ungewohnt. Man befürchtet, dass es „richtig“ und „falsch“ gibt, und dass man die Fachbegriffe nicht kennt.

Dabei ist das Verhältnis zu Gott, zum Göttlichen etwas, was individuell ist. Jede persönliche Erfahrung ist gleich viel wert und darf geäussert werden. Das soll einen aber nicht davon abhalten, was man glaubt, auch mal durchzudenken: Versuchen, Formulierungen zu finden, Bilder, eine Sprache dafür.

Bei sehr religiösen Menschen gibt es häufig auch das gegenteilige Problem: Sie verwenden eine Insider-Sprache, die von weniger religiösen nicht verstanden wird. „Hauskreis“. „Anbetungsmusik“. „Rechtfertigung”. Ich lektoriere hin und wieder Radioandachten und Predigten und muss den Pfarrpersonen immer wieder nahelegen, für theologische Sachverhalte alltagstaugliche Formulierungen zu finden, die auch für Menschen ohne kirchliche Prägung verständlich sind. Der Bonus: So entdeckt man auch eine neue Perspektive auf das, woran man glaubt.

4. Sich im eigenen Glauben wohl fühlen

Bist du im Reinen mit deinem Glauben? Oder gibt es einen Aspekt von Zwang, von “glauben müssen”? Dann schau dort mal hin. Dies sind vielleicht gerade die Punkte, bei denen dich andere schnell in die Defensive bringen.

Das bedeutet nicht, dass man die Antwort auf alle Fragen haben muss. Manchmal steckt man mitten in Zweifeln oder hat nagende Fragen. Auch dazu kann man stehen. Vielleicht bringt ein Gespräch gerade über diese Fragen neue Aspekte, über die man nachdenken kann.

5. Zusammen philosophieren

Wie beginnt man ein Gespräch über Spiritualität, wenn einen wunder nimmt, woran das Gegenüber glaubt? Zum Beispiel, indem man die eigenen Zweifel und Fragen teilt und fragt, wie der/die andere darüber denkt. Wenn man auf Resonanz stösst und das Vertrauen da ist, ist die Bahn frei zum gemeinsamen Philosophieren.

Über kurze Stossgebete in Notsituationen zum Beispiel. Über Gotteserfahrungen in der Natur. Über die Frage nach dem “Warum” und darüber, was nach dem Tod kommt.

Und wenn dann der Abend spät wird und sich die leeren Weinflaschen unter dem Tisch häufen, gelangt man zum Schluss, dass wir doch alle nichts wissen. Und auch diese Perspektive vereint.

 

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