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Himmlisches Zeugs: Der Schuh der ersten Male

Ich habe dieses Jahr wieder angefangen zu laufen. Ein paar Laufschuhe hatte ich noch. Im März wurde mir klar, dass Laufen nicht nur ein weiterer Neujahrsvorsatz sein, sondern mich vielleicht durch den Sommer hindurch begleiten würde. Ich brauchte neue Schuhe. Besser gesagt: Ich hatte sie mir irgendwie verdient.

Natürlich kann man Laufschuhe nicht einfach im Internet bestellen, wie T-Shirts oder Unterwäsche. Man muss sie probieren, sich beraten lassen. Aber man kann sich im Internet die verschiedenen Modelle schon mal anschauen.

Insgeheim hoffte ich auf einen schönen Nike-Schuh. Meine Beraterin war aber, nachdem sie meine alten Schuhe angeschaut und meinen Laufstil beobachtet hatte, sehr deutlich: «Ich empfehle dir einen von diesen beiden.» Diese beiden waren nun wirklich nicht besonders hübsch. Der eine hatte eine Sohle, die mich an MBT-Schuhe erinnerten. Der andere Schuh sah aus wie ein Laufschuh. Aber halt nicht wie ein schöner Laufschuh. Ich bezahlte und war ein wenig enttäuscht.

Ja, ja, es geht bei Laufschuhen in erster Linie nicht um die Ästhetik.

Aber der Laden war voller hübscherer Modelle. Warum musste ich ausgerechnet zu diesem Schuh passen?

Zum ersten Mal

Schon bei meinem ersten Lauf war ich angenehm überrascht. Er fühlte sich nicht so klobig an, wie er ausschaut, drückte gar nicht und liess viel frische Luft herein. Er war so gut, dass ich nie an ihn denken musste.

Zusammen sind wir über 800 km gelaufen.

Am Anfang immer dieselbe Runde an der Aare, dann – aus einer spontanen Laune heraus – einen ganz neuen Weg, den ich nicht kannte, durch den Regen oder den hochwassergefluteten Aare-Weg, am Lago Maggiore neben zu vielen, zu nahen und zu schnellen Autos bei brütiger Hitze, endlich auch bergauf und bergab und schliesslich dem Tiber entlang in Rom. Es ist mein Schuh der ersten Male: Zum ersten Mal über 15 km gelaufen. Zum ersten Mal seit 10 Jahren Halbmarathon, zum ersten Mal von Thun nach Bern, zum ersten Mal auf der Tartanbahn.

Weisst du noch…?

Vor meinen Romferien wusste ich schon, dass sich dort unsere Wege trennen würden. Er hatte das Ende seiner Haltbarkeit erreicht. Ich plante, ihn dort «tot zu laufen» und gar nicht mehr zurückzunehmen. Auf unserer letzten Strecke hat er die Engelsburg, den Petersplatz, den Circus Maximus und die Villa Borghese gesehen. Rom sehen und sterben, dachte ich.

Als ich am Abend meine Sachen packte, lag er vor mir. Ich könnte ihn ja waschen und «auftragen». Aber das wäre nicht richtig. Mit ihm habe ich zu viel erlebt: «Weisst du noch, als du gehen wolltest und wir zusammen weitergelaufen sind?» «Weisst du noch, als wir bis zu den Knien im Wasser standen und nicht umgedreht sind?»

Er steht jetzt bei mir zuhause neben meinem neuen Paar, das viel futuristischer, schneller und schöner ausschaut. Vielleicht färbt sein guter Charakter auf dieses Sportpaket ab. Er hätte dem Neuen jedenfalls viel zu erzählen. Er ist und bleibt der Pionier. Der Schuh der ersten Male.

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