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Lesedauer: 5 Minuten

Eine lachende Kathedrale

Sie werden sich vielleicht wundern, lieber Münster, wir beide kennen uns ja kaum. Aber ich möchte ganz herzlich zum 600-jährigen Bestehen gratulieren, und nicht nur das: Ich muss ihnen meine Liebe gestehen! Gerade wer neu ist in einer Stadt und seine Fühler vorsichtig ausstreckt, weiss das Bergende und zugleich Erhebende eines jahrhundertealten Kathedralenbaus zu lieben, durch dessen Fenster sich das Licht in unzähligen Facetten bricht. Und dessen elongierte Form die Seele weitet, die sich unwillkürlich mit nach oben streckt. Wer dies erfährt, ist spontan zu Hause, hier und jetzt – und liebt.

Bei ihrer Filigranität haben Sie staunenswerte Standfestigkeit bewiesen! Als himmelwärts geklöppelte Spitze setzen sie im Schattenraum ihres Gebälks wundersam die Schwerkraft ausser Kraft. Stürme, Schneemassen und Erdbeben konnten ihnen nichts anhaben. Mit ihrem feinen Rankenwerk, mit dem mittelalterliche Steinmetze den Stein ins Organische hin auflösten, scheinen sie dem Natur- und Kulturreich gleichermassen anzugehören. Grotte, Efeuhecke, Eichenhain: all diese Atmosphären finden wir in ihnen aufgehoben.

Wenn meine Sprache ihnen gegenüber ein wenig altertümelnd klingen mag, nehmen sie es bitte als Hommage, gewiss nicht als Ironie.

Engel haben mitgebaut

Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit über die Empore, wenn ich sage: An ihnen, lieber Münster, haben Engel mitgebaut.

Krämerseelen waren gewiss auch an Ihrer Entstehung mitbeteiligt und Machtmenschen an Ihrer Finanzierung. Die komplexen Berechnungen und die künstlerische Ausführung aber verdankt sich der internationalen Künstlerschaft des Mittelalters, die gänzlich ohne KI-Support derart staunenswerte Architekturen bewerkstelligte. Eine «cathedra», ein Bischofssitz, waren sie in der Geschichte nie, höre ich. Darf man sie trotzdem als Kathedralenbau bezeichnen?

Wenn wir in der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Berner Altstadt die Marktgasse hinuntergehen, in der Strassenbahnen rumpeln und die hinter der Zytglogge in der Kramgasse mündet, so sehen wir ihre transluzente Turmspitze hinter Bürgerdächern mysteriös leuchten und locken – zur sonnabendlichen Vesper. Sie verstehen sich in den Mittelpunkt zu rücken, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen: seit geschlagenen 600 Jahren. Wenn die Grosse Glocke sebstbewusst-satt tönt, vibriert das Pflaster der historischen Gassen.

Sie sind – das gestehe ich – nicht der einzige Kathedralenbau, den ich glühenden Herzens verehre. Da ist der Wiener Stephansdom («Steffl»), eine Studentenliebe von mir, mit stiller Gebetskapelle gleich hinterm Haupteingang, meinem Lieblingsplatz. Der Trubel der Metropole ist dort wie hinter Watte geschoben und es herrscht ein Friede wie kaum sonst wo. Auch Notre-Dame de Paris liebe ich – wer könnte ihr widerstehen. Schon das frontale Rosettenfenster kann einem die Sinne rauben. Als die Kathedrale brannte, haben wir geweint.

Kathedrale mit Humor

Den Kölner Dom durfte ich eine Weile meinen heimatlichen Orientierungspunkt nennen. Unvergessen das Bild des Schäfers auf den Rheinterrassen, der sich mit seiner Herde im Sommer pittoresk ins Dombild schob, wenn wir uns morgens oder abends auf dem Fahrrad der Innenstadt näherten. Der Zürcher Münster ist eine liebe Pilgerstätte nicht nur wegen der alten, sondern auch wegen der neuen Kunst: Sigmar Polkes mystische Achatschnittfenster.

Wenn ich sie in den Reigen ihrer Kathedralengeschwister stelle, lieber Berner Münster, so gewiss nicht um ihre Einzigartigkeit zu schmälern oder sie gar im Jubiläumsjahr zu vergraulen.

Nach meiner Wahrnehmung liegt ihre Besonderheit in einer besonders warmen Ausstrahlung. Ich schätze auch ihre gelassene Grandezza und ich meine mit Sicherheit sagen zu können, dass sie Humor besitzen.

Ja, sie sind ein lachender Münster. Wie sonst, könnte ein kleiner geschnitzter Putto seit Jahrhunderten immer wieder kopfüber das Chorgestühl hinunterrutschen, als sei es eine Rodelbahn. Ausgerechnet im prächtigen Chorgestühl. Es ist ja nicht gerade der Ort, wo man ausgelassenes Gekicher erwarten würde.

Wilde Wasserspeier

Was mich an euch gotischen Meisterwerken generell fasziniert, ist eure eigenwillige Autarkie. Ihr umgarnt unsere Sinne als Gesamtkunstwerke und orgeltönende Surround-Sound-Körper, aber ihr braucht uns nicht. Ihr seid performende Diven und gleichzeitig ganz für Euch. Selbst an grotesken Wasserspeiern irgendwo in schwindelerregenden Höhen kann man das festmachen: Vor Jahren hat die Koboldgebilde, die alle verschieden sind, ein Fotograf vor die Linse bekommen. Sonst hat sie in einem halben Jahrtausend kaum jemand gesehen.

Für wen lugen wilde Wasserspeier, in deren Spitzohren Moos nistet, so fürchterlich grotesk in die Landschaft, wenn nicht für sich selbst?

Es ist ein bisschen die Sitte eingerissen, dass neben Tourist*innen vor allem Leute mit gesenkten Lidern und frommen Mundwinkeln Kathedralen für sich reklamieren. Historisch gesehen spielte sich in den flamboyanten Hallen weit mehr an Lebensäusserungen ab als dies. Wenn ich mir an ihrer Stelle etwas zum Jubiläum wünschen darf, lieber Münster, so wären es Gelassenheitsoasen in ihrem Inneren und auch auf dem Vorplatz: aus grossen Schaumstoffen, Wasserbetten oder was weiss ich, wo Müde die Beine ausstrecken und den Rücken durchdrücken und Kinder wippen können.

Relaxen und meditieren

Ein wenig still-erholsames Leben in leise flüsternder Gemeinschaft tut Gebetsatmosphären nach meiner Erfahrung keinen Abbruch, im Gegenteil: Es können sich Räume fast himmlischer Harmonie von Körper, Geist und Seele öffnen, Sphären heiterer Schwerelosigkeit, aber auch Räume schweigender Gemeinsamkeit, in denen Mitmenschen, die untröstlich sind, mit Blicken und Umarmungen aufgefangen werden. Ich habe dergleichen beispielsweise in Moscheen erlebt.

Seien sie in jedem Fall unserer Bewunderung und Dankbarkeit für ihr grossartiges Dasein versichert und bleiben Sie filigran standfest – weitere 600 Jahre und mehr!

Der Grundstein zu dem unter dem Patrozinium des Vinzenz von Saragossa stehenden Berner Münster wurde 1421 gelegt. Die für März 2021 geplante offizielle Jubiläumsfeier wurde Corona-bedingt um ein Jahr verschoben.

 

 

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