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Die Wut der Anderen

Als im Oktober 2017 die erste Staffel von »Babylon Berlin« anlief, erschien die geschilderte überhitzte Atmosphäre weit weg. Die TV-Serie spielt Ende der 1920er Jahre, das politische Klima radikalisierte sich damals, das Scheitern der Weimarer Republik zeichnete sich ab. Jetzt lief die dritte Staffel im Free TV an. Und das Gefühl der Ferne ist weg. Wenn wir nicht ohnehin in der 20er Jahren leben würden, würde ich sagen: Es fühlt sich gerade so an, als lebten wir wieder in den 20er Jahren.

Kaum war die erste Folge ausgestrahlt, war draussen lautes, rhythmisches Gebrüll zu hören. Ein spontaner Protestmarsch, eine erklärte Vergeltungsmassnahme gegen die polizeiliche Räumung eines der letzten von Autonomen besetzten Häuser Berlins (»Liebig 34«). Ein ›Schwarzer Block‹ aus über tausend Wütenden schiebt sich mit hohem Tempo vor dem ›Babylon‹-Kino in der Rosa-Luxemburg-Strasse vorbei. Ich kann dessen rotleuchtendes Schild von meiner Wohnung aus sehen. Das Kino wurde genau zu der Zeit erbaut, in der »Babylon Berlin« spielt.

Schaufenstermassaker

Der Protestzug hetzt im Laufschritt durch die regnerisch-kalte Herbstnacht und Gewaltbereite veranstalten en passant im Kiez ein kleines Schaufenstermassaker.

Pflastersteine und rote Farbbeutel fliegen auf Geschäfte. Am beliebten Hackeschen Markt, einem Touristen-Hotspot, wird ein Bushäuschen zerdeppert. Chaotische Wut ohne stringente Zielrichtung.

Das Gebrüll der aufgebrachten Menge klingt düster und unartikuliert. Selten habe ich aus unmittelbarer Nähe einen derart aggressiven Protestzug erlebt.

Wenige Stunden zuvor war ich auf dem nahegelegenen Alexanderplatz, dem Alfred Döblin sein berühmtes Buch gewidmet hat, Zeuge von Islamhetze. Ein Redner zitiert aus dem Kontext gerissene Koran-Stellen, in denen ›Ungläubige‹ verdammt werden. Genau dies droht uns angeblich im Fall einer ›Zwangsislamisierung‹ des Abendlandes. Einen Tag später ›predigt‹, ebenfalls auf dem Alexanderplatz, ein Hamburger Arzt, Heiko Schöning, im Empörungston gegen Corona-Massnahmen. Der Mediziner behauptet, dass die Corona-Pandemie von der internationalen Biotech-Mafia »ausgebrochen worden« sei und uns allen jetzt ein »Zwang zur Impfung« drohe. »Buh, buh, buh«, ruft die Menge.

Babylonische Sprachverwirrung

Bei der Veranstaltung handelte es sich um einen Ausläufer der sogenannten Hygiene-Demonstrationen, die Ende März begannen – und zwar praktisch vor unserem Fenster. Vom Erker unserer Wohnung aus liess sich beobachten, wie der staatlich verordnete Lockdown zu überschwappender Frustration quer durch unterschiedlichste Lager führte: Althippies rückten mit Jogamatten an, um gegen den ›Wahnsinn‹ zu meditieren, Ken Jebsen interviewte einen der Organisatoren, alternativ wirkende Mütter standen mit Kinderwägen neben ›schweren Jungs‹ mit Glatze, die augenscheinlich dem rechtsextremen Spektrum entstammten. Polizeimannschaften, die aus unterschiedlichen Regionen in der deutschen Hauptstadt zusammengezogen wurden, schafften es kaum, die erregten Pandemieskeptiker zur Einhaltung der Corona-Regeln zu bewegen.

Unser Erker mutierte in den vergangenen Monaten zu einem Logenplatz, von dem aus sich die Wut der anderen beobachten liess: die herrschende Polyfonie, der brüllende Widerstreit grell überzeichneter Stimmen, zwischen denen es entweder gar keine oder aber merkwürdige Schnittmengen zu geben scheint.

Und ist es nicht das, was »Babylon Berlin« und die Gegenwart verbindet? Ein wachsender Zorn und eine daraus erwachsende ›babylonische Sprachverwirrung‹?

Sprachverwirrung oder Sprachvermengung meint in der Bibel den Verlust von Einstimmigkeit, unüberbrückbare Verstehensdifferenzen. Keiner spricht und versteht mehr »die Sprache des anderen« (Gen 11,7). Auch heute wird geredet und geredet und geredet, aber häufig nicht miteinander, sondern durch-, neben- und gegeneinander, jenseits von Verstehen, Verständnis und der Bereitschaft einer gemeinsamen Wirklichkeitserschliessung. Sprachverwirrung ist nicht Zeichen einer bejahenswerten Vielstimmigkeit, sondern Ausdruck wachsender gesellschaftlicher Desintegration.

Altbauwohnung Abgrund

Ich also residierte dieses Jahr in einer ›Altbauwohnung Abgrund‹. So möchte ich es in  Abwandlung von Georg Lukács’ ›Grand Hotel Abgrund‹ nennen. Mit dem Begriff diagnostizierte dieser die edelapokalyptische Haltung seiner linksliberalen Zeitgenossen Adorno und Horkheimer. Und das ist das Dilemma:

Ich will mich nicht der Wut überlassen, aber besonders sympathisch erscheint mir weder meine Wutbeschau noch ein Über-der-Wut-der-Anderen-Stehen-Wollen. Was ist hier falsch?

Erstens: Die beobachtbare Angst und Wut sind gar nicht so weit weg. Sprachverwirrung durchzieht auch Familien. Auch ich kenne Personen, die Weltanschauungen vertreten, die mir krude und irregeleitert erscheinen. Dagegen reden bestärkt mitunter das Gegenüber lediglich in seinem Glauben an Fake-News und Internetmärchen. »Hast Du schon gehört? Jetzt sind sogar Kinder durch das Tragen von Corona-Masken gestorben.«

Wenn, zweitens, unten auf der Strasse gebrüllt wird und ich lediglich unartikulierte Laute wahrnehme, die mich vielleicht sogar an das Geheul wilder Tiere erinnern, könnte dies nicht auch an mir liegen, daran, dass auch bei mir Angst das Hinhören erschwert? Sprachverwirrung macht auch vor mir selbst nicht Halt und sie beschränkt sich nicht auf das Reden, sondern schliesst das Hören mit ein. Auch könnte es sein, dass ich meine, einen erhabenen Standpunkt einzunehmen und mich in Wirklichkeit bereits unten im Affektgetümmel befinde. Eigene Affizierung und Parteilichkeit lassen sich leicht übersehen.

Zorn aber ist, drittens, ein ›Kind der Angst‹. Die beiden Affektarten teilen sich eine gemeinsame Hirnregion und sind oft schwer auseinanderzuhalten.

Will man den Zorn loswerden, muss man daher auch die Angst loswerden.

Aber ohne Angst, gibt es auch keine Liebe – denn wenn wir lieben, haben wir Angst um jene, die wir lieben. Die amerikanische Affektforscherin und Philosophin Martha Nussbaum hat in ihrem jüngsten Buch »Königreich der Angst« auf dieses Dilemma eine schöne Antwort gegeben. [1] Diese läuft darauf hinaus, den Zorn durch die Liebe zu humanisieren.

Sprachentwirrung aus Zornumwandlung durch Liebe

Liebevolle Eltern trennten in der Regel den Empörungsaspekt des Zorns von dem der Vergeltung, wenn es um ihre Kinder geht, weil sie sie lieben. Nussbaum überträgt diese Beobachtung auf die gesellschaftliche Sphäre, indem sie an die »Orestie« des antiken Dramatikers Aischylos erinnert, einem grundlegenden Dokument der attischen Demokratie. Von zentraler Bedeutung in dem Drama ist die schlussendliche Verwandlung der Furien oder Erinnyen, also der antiken Rachegöttinnen, in ›Eumeniden‹, die ›Wohlmeinenden‹.

In Nussbaums Deutung:

Zornenergien sind für die Gesellschaft brandgefährlich, aber sie sollen gerade nicht aus ihr verbannt werden. Sie sollen vielmehr durch die Fähigkeit, den Empörungsakt des Zorns von dem der Vergeltung zu trennen, in die Gesellschaft integriert werden.

Transformiert in ›wohlmeinende‹ Kräfte streifen die Zornenergien ihr vormals hässliches Aussehen ab und aus bestialisch klingenden Lauten werden wieder vernehmbare, verständliche, menschliche Stimmen. Man kann darin das griechisch-demokratische Pendant zum christlichen ›Pfingstwunder‹ sehen: die Sprachentwirrung aus Zornumwandlung durch Liebe.

 

[1] Vgl. Martha Nussbaum, Königreich der Angst. Gedanken zur aktuellen politischen Krise, Darmstadt 2019. Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Weltecke; insbesondere das Kapitel »Zorn als Kind der Angst«. Die Autorin veröffentlichte auch: Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit, Darmstadt 2017.

Abbildung: Berlin, Am Hackeschen Markt, Oktober 2020; Foto: Luca Di Blasi

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