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Die Schlange

Acht Kilometer lang ist die Schlange entlang der Themse, in die sich die Menschen in London stellen, um der in der Westminster Hall aufgebahrten Queen ihren letzten Respekt zu zollen. #TheQueue (englisch für «die Schlange») hat einen eigenen Hashtag und es gibt einen YouTube-Kanal, auf dem die aktuelle Länge und Wartezeit angegeben ist.

#TheQueue hat #TheQueen abgelöst

Die Schlange selber übt mittlerweile einen starken Sog aus. Es ist die Gelegenheit, bei einem einzigartigen Event dabei zu sein. Menschen dokumentieren auf Twitter Begegnungen und Erlebnisse beim langen Anstehen: Man ermuntert sich gegenseitig in der nächtlichen Kälte, hilft sich mit Snacks aus, steht gemeinsam mit Menschen, die man vorher gar nicht kannte, die lange Wartezeit durch und ärgert sich über die «Queuejumper», die sich ohne Anstehen vorne in die Schlange einreihen wollen.

Eine bereits am Donnerstag veröffentlichte Kurzgeschichte von Will Dunn spinnt das Phänomen bis ins Jahr 2052 weiter: Sie schildert, wie sich das soziale und wirtschaftliche Leben in London 30 Jahre nach dem Tod von Queen Elizabeth II. zu einem grossen Teil um die Schlange herum abspielt.

Menschen haben, so die Geschichte, in der Krise Anfangs 2023 ihre Wohnungen gekündigt und finden in der Schlange einen sicheren Wohnort mit relativem Komfort.

Denn entlang der Schlange hat sich eine grosse Infrastruktur entwickelt. Menschen finden dort Gemeinschaft und eine Tätigkeit, die ihnen ein Ziel und einen Sinn gibt, der denjenigen vieler Jobs in der kapitalistischen Wirtschaft bei weitem übersteigt.

Mit #TheQueue sei die Queen zudem über ihren Tod hinaus nochmals zum Fixpunkt einer Gesellschaft geworden, Symbol für eine Idee, die grösser ist als die einzelnen Menschen.

Einen traurigen Bezug zur Realität erhält die Geschichte durch die Tatsache, dass viele Menschen jetzt schon täglich über Stunden anstehen – für Essensausgabestellen. #TheQueue findet täglich statt, wie dieses Video zeigt. Und zwar, ohne dass der Fokus der Öffentlichkeit darauf liegt und sie als inspirierendes Phänomen für den Zusammenhalt der Gesellschaft wahrgenommen wird.

Liegt sie wirklich im Sarg?

Für diejenigen Menschen, die nun in der Schlange stehen, wird sie eine bleibende Erinnerung sein. Und die paar Sekunden, in denen sie den Sarg der Königin schlussendlich physisch vor sich haben, werden neben den Erlebnissen beim stunden- oder sogar tagelangem Anstehen verblassen.

Ein Mann wurde am Freitagabend verhaftet, weil er auf den königlichen Sarg zurannte und versuchte, die darauf liegende Fahne hochzuheben. Vielleicht hat ihn die Frage beschäftigt, ob die Leiche wirklich im Sarg liegt. Seit der Prozession mit dem Sarg von Schloss Balmoral zur Westminster Hall gibt es das Gerücht, dass der Sarg leer ist.

Diverse Online-Artikel erklären jedoch, dass die Leiche rein technisch gesehen darin liegen könnte. Mittels Einbalsamierung und auch dank dem mit Blei ausgekleideten Sarg ist sie weit über die 10-tägige Zeit der Trauerfeierlichkeiten hinaus ästhetisch und hygienisch stabil.

Doch die Frage danach ist mittlerweile nebensächlich geworden. Es geht darum, bei diesem Ereignis dort- bzw. dabeigewesen zu sein. Leerer oder voller Sarg, whatever.

Leeres oder volles Grab

Nicht wie beim Christentum – dort beschäftigt die Frage, ob das Grab Jesu voll oder leer war, Menschen heute noch. Im 20. Jahrhundert wurde sie besonders rege debattiert: Theologen wie Wolfhart Pannenberg, Gerd Lüdemann, Karl Barth, Rudolf Bultmann positionierten sich dazu. (Siehe Video: Ist Jesus wirklich auferstanden?)

Ob die Leiche von Jesus Christus nach der von seinen Anhänger:innen kolportierten Auferstehung tatsächlich verschwunden war, weil er wieder zum Leben erwachte, ob sie noch im Grab lag und die Zeug:innen einfach am falschen Ort nachgeschaut hatten, oder ob die Leiche gestohlen und heimlich woanders begraben wurde – daran entscheidet sich für eine Mehrheit der Christ:innen nach wie vor vieles.

Ähnlich wie bei #TheQueue könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass das gar nicht so wichtig ist. Dass viel relevanter ist, wie Menschen heute Gott erfahren und das miteinander teilen. Dass das Leben, das Jesus vor seiner Kreuzigung führte und mit dem er Menschen prägte, wichtiger war, als dass er den Tod überwand.

«By that time it was more obvious than ever that the Queue reflected Britain: the sovereign lies at its head, but she was never its real point», heisst es gegen Ende der erwähnten Kurzgeschichte.

Doch das ist vielleicht der Unterschied zwischen Kirche und #TheQueue: Zwischenmenschliche Begegnungen, Solidarität, geteilte Emotionen und etwas, das alle Teilnehmenden verbindet, gibt es bei beiden. Doch das Christentum wäre nicht entstanden, wäre die Person, auf die es sich heute noch bezieht, nicht Tage und Wochen nach seinem Tod Menschen lebendig wieder begegnet – wie auch immer das möglich war. Erst mit der Auferstehung erwies sich Jesus nicht nur als wahrer, sterblicher Mensch, sondern auch als wahrer Gott.

Das Ende der «Queue»

Die Gemeinschaftserfahrung, die einige Menschen in der Kirche finden, findet eine Analogie in Phänomenen wie der Schlange, die sich durch London zieht, und anderen historischen Grossereignissen, welche Menschen zusammenschweissen. Oder umgekehrt – das, was Menschen dieser Tage in der Schlange erleben, zeigt, welches Potenzial die Kirche besitzt, das heute nur noch wenigen zugänglich ist.

#TheQueue wird am frühen Montagmorgen enden. Dann wird Westminster Hall für den Trauerzug geschlossen und der Sarg wird über verschiedene Stationen zum Schloss Windsor gefahren. Dort wird die Queen – deren Körper dann ganz bestimmt darin liegt – neben Prinz Philipp in der St. George’s Chapel beigesetzt.

 

Bild: Samuel Regan Asante/Unsplash

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